Theatertexte

Don Pedro Calderon de la Barca

Erster Aufzug.

Eine wilde Felsengegend. Aurelian tritt auf, in Felle gekleidet, und wie erschrocken.

Aurelian.

Verweil‘ in dieser Wildniß,

Erzeugung meines Hirns, du bleiches Bildniß!

Wahn, deß erlognes Leben

Mit sichtbarer Gestaltung sich umgeben,

Nicht in der Luft zerrinne,

Bist du ein Blendwerk meiner regen Sinne!

Entfliehe nicht! – Doch was ist dieses? Mache

Mir kund, o Himmel! schlaf’ ich oder wache?

Obwohl dies eins zu nennen,

Wenn ich, mich selbst kaum fähig zu erkennen,

Im Abgrund dunkler Räume,

Was ich einst schlummernd sah, nun wachend träume.

Denn einst – wie ward mir Himmel! Als ich glaubte,

Daß sich Quintil, den Lorbeer auf dem Haupte,

Vor meinem Blick befunden,

Bedeckt mit tiefen Wunden,

Woraus in blut’gen Wellen

Sein Leben schien graunvoll dahin zu quellen!

Und darauf in bangen Tönen,

Sprach er zu mir mit grauenhaftem Stöhnen:

„Nimm hin mein Scepter, meine Lorbeerkrone;

Denn Herrscher wirst Du seyn auf Roma’s Throne.“

Die Stimme schien, verweht von leisen Winden,

Ein Schatte nur erträumten Glücks, zu schwinden.

Doch wachend oder träumend,

Bin ich es nicht, der, seinen Stolz nicht zäumend,

In manch geheimer Stunde

Sich Roms Monarch genannt mit kühnem Munde?

Verfolgt von dieses Wahns hartnäck’gem Trachten,

Mußt‘ ich so lang‘ in düstrer Schwermuth schmachten,

Bis ich, um nicht in völkerreichen Gauen

Den Pomp der stolzen Majestät zu schauen,

Einzog in diese wüsten Felsreviere,

Um König hier zu seyn der wilden Thiere.

Bin ich nun der: wie leicht kann dieses Streben,

Das wachend mich erfüllet,

Vom toten Schweigen düstrer Nacht umhüllet,

Dem leeren Wahn Gestalt und Stimme geben;

Wenn, als unsterblich, nimmer

Die Seele schläft, und mich durch flücht’gen Schimmer

Der Krone wollt‘ entzücken?

Denn nie kann Schlaf den Ehrgeiz unterdrücken. –

Doch dort, was seh‘ ich prangen?

Täuscht mich das Auge? Täuscht mich das Verlangen?

Ein Diadem aus heil’gen Lorbeersprossen,

Die um das goldne Scepter sich geschlossen,

Ruht auf der Felsenzinne?

(Man sieht Krone und Scepter auf einem Felsenstücke, unter Zweigen)

Verworrne Räthsel meiner irren Sinne

Sind diese klaren Zeichen;

Wenn nicht der Fals, anstatt lebend’ger Eichen,

Hier Scepter trägt, die, meiner Qual zum Lohne,

Als Frucht mir bieten diese Blätterkrone.

O Krone, meine Wonne!

Glücksel’ger Stral von meiner Glückessonne!

Vergib mir, wenn ich fehle

An deiner Gottheit; eine neue Seele,

Ein kühner Geist, durch den mein Muth entlodert,

Hat laut zu solcher Ehre mich gefordert. –

Hervor, ihr wilden Thiere, die ihr lauert

In Kerkern, so der Fels für euch gemauert!

Kommt, kommt in dichter Menge

Zu meiner Krönung festlichem Gepränge,

Daß euch mein Ruhm ertöne,

Da ich zum König des Gebirgs mich kröne.

(Er setzt die Krone auf und ergreift das Scepter)

Wohl kann ich jetzt, ich, eine Welt im Kleinen,

Als m e i n Herr, auch als Herr der Welt erscheinen,

Im Spiegel dieser Auen,

Der schmeichlerisch dahinflieht, will ich scheuen,

In wie erhabnem Glanze

Mein selig Haupt prangt mit dem Lorbeerkranze.

(Er spiegelt sich in einer Quelle)

O heilige Verklärung!

Das Urbild weihe schuldige Verehrung

Des Abbilds hehrem Prangen;

Denn, selbstgeschaffner Hoheit untertänige,

Muß ich Gehorsam zollen und empfangen,

Als meines eignen Ichs Vasall und König.

Narciß, am Quellenrande,

Von seinem eignen Reiz entbrannt in Liebe,

Starb hin; und ich, entflammt von edlem Brande,

Ganz hingegeben meiner Sehnsucht Triebe,

Will ein Narciß auf Erden,

Nicht meiner Schönheit, meine Stolzes werden.

(Er fährt fort, sich zu bespiegeln.)

Astraea, ein Hauptmann und Soldaten treten auf.

Astraea.

(zu den Soldaten.)

Diese ist es, den ihr suchet;

Naht euch, betet an den Hohen!

Denn der Himmel schenkt zum Kaiser

Heut euch einen wundervollen,

Einen würd’gen Herrscher Roma’s,

Den der Himmel auserkoren,

Zu vertrau’n den mächt‘gen Schultern

Das Gebäude zweier Pole.

(zu Aurelian.)

Du, der auf des Ruhmes Flügeln

Hat den fernsten Raum durchflogen,

Den die Sonne selbst nicht kennt,

Pflügend die gestirnten Globen;

Du, der in so blut’gen Siegen,

Immer stolz und unerschrocken,

Zwang so oft zu müß’ger Ruhe

Den gesenkten Arm des Todes:

Warum, in der Tracht des Bauers,

Auf den einsam wüsten Boden,

Lebt die Tapferkeit, verzagend,

Wohnt die Kühnheit, feig geworden?

Komm zurück zu Heere, komm!

Schreckend selbst des Himmels Zonen,

Gib der Tiber neue Siege,

Daß dein Name werd‘ erhoben. 

Und daß meiner Rede Dunkel

Dir nicht Zweifel weck‘ und Sorgen,

Wisse, daß durch meine Stimme

Roma dich zum Kaiser fordert. –

Als der großen Claudius Erbe,

Saß Quintil auf Roma’s Throne,

Dessen Glück, wie hoch es stieg,

Doch in kurzem war zerronnen.

Er, voll Grausamkeit und Ehrsucht,

Auch den Christen sehr gewogen,

Weckt‘ Unwillen statt Gehorsam

In den Herzen seines Volkes;

Denn das Volk, dem Wesen nach,

Ist ein Unthier, mißgeboren,

Welches, ein Gemisch aus Allen,

Keinem je Erbarmen zollet.

Dieses nun, das mit dem Neuen

Gern sich närt, von Wuth entglommen,

Machte, daß Quitil von seinen

Eignen Söldnern ward ermordet;

Und allein durch diese berge

Fliehend, wund, mit Blut beflossen,

Sprach er: Rom, in deine Hände

Geb‘ ich Scepter hin und Lorbeer.

So verschied er. Neuer Aufruhr

War die Folge seines Todes

Bei dem aufgeregten Heere.

Uneins ob der Thronesfolge,

Wollte dieser Theil die Freiheit,

Jener, einem Herrn gehorchen.

Schon bedrohten sich einander

Wütend die entzweiten Rotten,

Aus dem Stahle Blitze schmiedend

In den Staub- und Nebelwolken,

Als, begeistert vom Orakel

Des Apollo, ich entschlossen

Mich in ihre Mitte stellte,

Ihnen sagend diese Worte:

Laßt die Waffen ruhn! Der Himmel

Schenkt euch einen wundervollen

Kaiser, dem die Welt erzittern

Soll, aus ihrer Bahn geworfen.

Dies ist Aurelian, der Tapfre;

Und zum Zeugniß, daß der hohe

Himmel selbst ihn wählte, folgt mir

Dahin, wo in Lust und Wonne

Ihr ihn findet, schon gekrönt

Mit derselben Lorbeerkrone,

Die Quintil verloren. Sagt,

Könnt ihr beßres Zeugniß wollen?

Sie, besiegt von meiner Rede,

Oder höherm Wink gehorchend,

Folgten mir in diese Wildniß,

Wo sie alles so getroffen.

Auf, du tapfrer Aurelian!

Dieser trägen Ruh‘ entnommen,

Freue dich des Lorbeers nun,

Den du nahmst nach Götterworte.

Ruft ein Hoch ihm zu, ihr Alle!

Dunkel, füget euch der Wirkung,

Ohne nach dem Wie? Zu forschen.

Mißtraut nicht, weil euer Kaiser

So gemeine Tracht erkoren;

Denn der Glanz des Diamanten

Wird durch schlechtes Blei gehoben,

Und der Sonne schadet’s nicht,

Sich zu bergen hinter Wolken,

Wenn durch Scharten sie von Purpur

Sich ergeußt in Strahlen Goldes.

Alle.

Unser Kaiser lebe hoch!

Hauptmann.

Tausend Jahr‘, in Glück genossen,

Leb‘ Aurelian!

Alle.

Er lebe!

Aurelian.

Himmel, welche Wunderproben!

Dieser Berg, mit Schrecken schwanger,

Hat, so scheint es, eingeboren

Geister in die Felsen, Selen

In die Bäume, so hier sprossen;

Oder schleudert, wunderbarlich,

Aus dem harten Felsensooße

Mir gehorchende Vasallen.

In so wilder Regung Wogen,

Könnten täuschen nicht die Augen?

Könnten lügen nicht die Ohren?

Nein, gewiß ist, was ich sehe;

Nein, wahr ist, was ich vernommen.

Beut mir solches Glück das Schicksal,

Warum laß‘ ich’s ungenossen?

Säum‘ ich noch, da ich’s verdiene?

Schwank‘ ich noch, da ich’s erprobe?

Kaiser will ich seyn, und sollt‘ ich

Schnell erwachen; alle Kronen

Sind am Ende nichts, als Träume.

Ha, was such ich andre Proben?

Denn, macht ihn sein Wahn zum König.

I s t nicht König auch ein Toller?

Astraea.

Warum schwankt dein kriegerischer

Geist, Aurelian? Du wolltest

Zweifeln?

Aurelian.

Göttlicher Astraea,

Nicht bezweifl ich, daß des Lohnes

Werth sey meine Heldenseele;

Doch ich zweifle, diese Krone,

Eben weil ich ihrer werth bin,

Zu besitzen. Wer des Lohnes

Wenig nur begehrt, dem eben

Wird am meisten zugewogen.

Doch wenn diese Wahl der Himmel

Billigt, und ihr ihm gehorchet,

Will ich jetzt mich euer Kaiser

Nennen, nun sogleich entschlossen.

Und um mich auch hier, wie immer,

Vom Gemeinen abzusondern,

Mach‘ ich dies Gebirg zur Stadt,

Diesen Wald zum Kaiserhofe;

Blumen seyn zum Teppich, Ulmen

Mir zu Baldachin erkoren,

Und der Fels zum Krönungswagen,

Wo ich eurer Ehrfurcht Opfer

Froh empfange. – Staunet nicht

Ob der Tracht und ob dem Orte;

Denn ein wildes Thier ist Feldherr

Von unzähl’gen Legionen.

Astraea.

Alles ruft dich aus zum Kaiser,

Und die Lüfte wiederholen

Laut: Es leb’ Aurelian!

Alle.

Lebe tausend Jahr‘ in Wonne!

Aurelian.

Ja, er leb‘, um eine blut’ge

Geißel, um der Nationen

Schreckensbild zu seyn, um eurn

Ruhm zu heben an die Wolken.

Rom, ich schwör’s, soll mich nicht schauen,

Bis ich herrlich auf dem goldnen

Siegeswagen über mehr

Leben triumphierend komme,

Als dem Maimond Rosenblüthen,

Aehren dem August entsprossen.

(Trommeln von fern.)

Aber welcher Trommeln Schall

Birgt sich in den tiefen Schlüften,

Der, gebrochen von den Lüften,

Ruft dem eignen Wiederhall?

Hauptmann.

Daß du erstrahlend die erhübest,

Hoch begnadet vom Geschicke,

Und in Einem Augenblicke

Nehmst die Herrschaft und sie übest,

Hat zum Heere sich gewendet

Decius, der tapfre Held,

Den Quintil in’s Kriegesfeld

Nach dem Orient gesendet.

Aurelian.

Wohl, ich will ihn hier empfangen,

Doch zu seinem Schimpf und Grame.

Marsch von Trommeln und Trompeten. Ein Zug

Von Soldaten erscheint; hierauf Decius,

in Trauer gekleidet, mit schwarzen Waffen.

Er kniet vor dem Kaiser nieder.

Decius.

Neuer Caesar, dessen Name

Soll der Zeit zum Trotze prangen;

Dessen Alter soll der Seele

Ewigkeit uns offenbaren;

Dessen Herrschaft, nicht nach Jahren,

Nach Jahrhunderten sich zähle;

So, auf ew’gem Marmorstein,

Soll dein Ruhm der Nachwelt schallen,

So auf Tafeln von Metallen,

Strahlen deiner Siege Schein;

So, in Erz und Jaspis, prange

Deiner Statuen hohe Zier,

Daß der Tod, wenn er sich dir

Denkt zu nahen, sie umfange;

So soll deines Lorbeers Menge,

Siegen ob der Zahl der Tage,

Als du mich, in solcher Lage,

Nicht bestrafst mit zu viel Strenge.

Dir, den ich als Herrn gefunden,

Bei der Wiederkunft zum Heere,

Nah‘ ich schamvoll, sonder Ehre,

Von Zenobia überwunden.

Und wenn mir, vom Glück beleidigt,

Kann Entschuldigung gebühren,

Fleh‘ ich, ohne zu berühren

Wie das Schicksal mich vertheidigt,

Daß du, horchend den gewiegten

Worten, kaiserlicher Krieger!

Gönnest, wenn nicht Lohn dem Sieger,

Doch Entschuld’gung dem Besiegten.

Aurelian.

Wer, besiegt, dem Feinde huldigt,

Kann Entschuldigung begehren?

Sprich nur, um mich zu belehren,

Wie ein Feiger sich entschuldigt.

Decius.

Wo, in Aurorens Mutterarm erzogen,

Glut strömend, früh der junge Tag erscheinet,

Der Himmelsphoenix, dem in kühlen Wogen

Scih Sappirwieg‘ und Silbergrab vereinet,

Weil er, von Licht zu Licht, am Aetherbogen

Sich neu gebiert, da er zu stermben meinet,

Stets Sonne, stets in Flammen, stets voll Leben;

Wo Asiens berg‘ im Osten sich erheben,

Dort gibt es reiche , milde Regionen,

Obwohl sie lang‘ in öder Nacht getrauert,

Palmyra’s Wüstenei’n, wo Legionen

Des Wildes einst auf ihren Raub gelauert;

Dort nun, wo jetzt unzähl’ge Völker wohnen,

Die Prachtgebäude kühn empor gemauert

Auf ihren Bergen, deren mächt’ge Lagen

Mit goldner Zinne stolz gen Himmel ragen:

Dort herrscht Zenobia, jene Göttergleiche,

Zu welcher sich geneigt der Sterne Schaaren,

Daß Alles ihr an Stärk‘ und Schönheit weiche;

Denn selbst das Fernste sollt‘ in ihr sich paaren.

Luna, Saturn und jener Strahlenreiche

Verliehn ihr das Metall, das sie gebahren;

Mercur gab ihr Verstand, Zeus Glück und Ehre,

Mars Tapferkeit, und Schönheit gab Cythere.

Sie, als der Welt Bewundrung anzuschauen,

So stolz wie schön, sie war, als Amazone,

Des Erdenrunds, ja selbst des Himmels Grauen,

Dräng‘ auch ein Graun bis zu des Himmels Throne.

Mit kriegerischem Muth und Selbstvertrauen

Behauptet sie die Freiheit ihrer Krone,

Und spricht als Siegerinn, stolz und unlenkbar:

Roms Herrschaft sey in ihrem Land‘ undenkbar.

Erstaunt ob ihrem Muth, dem Zorn zum Raube,

Beschließt Quintil, die Stolze zu bekriegen,

Und reichet mir, den mit geweihtem Laube

Die heil’ge Daphne kränzt‘ in manchen Siegen,

Den Führerstab. Doch wer, wie fest er glaube

Gestellt zu seyn, sinkt nicht, wenn Andre stiegen?

Fortunen wär’s ein widersprechend Handeln,

Wenn sie, ein Weib, nicht liebte sich zu wandeln.

Ich sollte nun – dies ward mir zur Belehrung –

Wofern sie stets hartnäckig sich geberde,

Entweder heimziehn ohne Kriegserklärung,

Doch sonst nicht heimziehn, bis sie fallen werde.

Die Fürstinn gab mir des Gehörs Gewährung

In einem Park – ein Himmel war’s der Erde

An Farben, Duft und jeder Anmuth Kosen,

Der Blumen Stadt, das Vaterland der Rosen.

Und hier, umkränzt von einer Schaar von Frauen,

Die reizend hießen, wo sie selbst nicht wäre,

Ließ sich die göttergleiche Hoheit schauen;

Doch jene zu vergleichen war die Hehre,

So wie der Lenz den Blumen auf den Auen,

Der Sonne Glanz dem niedern Sternenheere,

Das Meer den Bächen; so, in der Vereinung

Der Nymphen, war der Göttlichen Erscheinung.

Des Kleides Purpurglanz mußt‘ augenblicklich

Auf strengen Sinn den Schauer vorbereiten;

Kurz war es, dem Verdruß zu regen schicklich,

Der seine Gränzen wünscht zu überschreiten.

Ein zartes Füßchen ward dem Aug‘ erquicklich,

Als Prob‘ und Vorbild größrer Herrlichkeiten:

So wie auch wohl die Juweliere pflegen

Von ihrem Schatz ein Muster darzulegen.

Auf ihren Fuß sah man die Silberfranze

Vom Saum des Kleides sich hernieder tauchen;

So schien es, auf krystallnen Wogen tanze

Der Silberschaum bei leider Winde Hauchen.

Zum Spiegel pflegt‘, in ihrem schönsten Glanze,

Die Sonne gern den Harnisch zu gebrauchen;

Und war bald mehr, bald minder rein ihr Schimmer,

So schmückte sie vor ihm sich wohl nicht immer.

Gestickt mit Silberblumen, floß vom Rücken

Der Mantel auf die Flur in Purpurfalten.

Und mußte sich, das Auge zu entzücken,

(Wenn am Azur die goldnen Lichter walten)

Mit Silber nicht ein Purpurhimmel schmucken?

Denn könnte sich die Wölbung umgestalten,

Und prangte röthlich die erhabne Ferne

So wäre silbern auch das Licht der Sterne.

Von reichen Spitzen strahlengleich umfangen

War dieses Mantels Pracht, und festgeschlossen

Auf ihren Schultern durch zwei Silberspangen,

In schöner Blumen gleiche Form gegossen.

Auf ihrem Haupt, mit königlichem Prangen,

Schien roth und weiß ein Federnwald zu sprossen,

Voll kühnen Muths empor zur Sonne steigend,

Doch weise sich der Macht des Windes neigend.

Ihr hehres Antlitz laß‘ ich unbesungen;

Nicht, daß die Lieb‘ es etwa nicht bemerke:

Nein, weil der Heldinn, die so oft gezwungen

Zur Furcht die Furcht, zum Tod des Todes Stärke,

Zum Preis den Ruhm, zu lauten Huldigungen

Den Himmel selbst, durch Stolz und hohe Werke,

Im Kriege kühn, im Frieden nimmer müßig –

Weil solcher Frau Schönheit wär‘ überflüssig.

Ich schildre mein Begehr mit raschen Zügen;

Doch sie versetzt: Frei bin ich von Beschränkung

Und Kaiserinn, mag Rom sich denn begnügen,

Erlaß‘ ich selbst ihm des Tributes Kränkung.

Krieg wird erklärt. Mit weislichem Verfügen

Schickt sie sich an zum Sieg, mit Muth zur Lenkung;

Denn schon seit langer Zeit lähmt ihren Gatten,

Den Odenath, des Alters dumpf Ermatten.

Den Tag, vielmehr die nacht, da wir uns schlagen –

Denn jener Tag war leider nur zu nächtig –

Sieh nun Zenobia durch die nReihen jagen,

Der Pallas gleich an Hoheit, hehr und prächtig,

So fest auf ihrem Roß – man mögte sagen,

E i n Geist nur sey in diesen beiden mächtig;

Denn stürmt‘ es gleich wild über Thal und Hügel,

Doch sah man wohl, es brauche keinen Zügel.

Wie plötzlich stand, wie rasch flog der beseelte

Zephyr dahin, gehorsam jedem Zeichen!

Vom Blitz, der einer Wolke sich vermählte,

Schien er entsprossen in des Windes Reichen. –

Ich ward besiegt; und soll, wenn ich nicht fehlte,

Des Schicksals Zürnen mir zur Schuld gereichen:

So denke nur, kein Schutz sey mehr erschwinglich,

Wo Stärk‘ und Schönheit siegen, unbezwinglich.

Aurelian.

Fruchtlos suchst du zu verstecken

Diener Seele schimplich Bangen,

Suchst den Fehl, den du begangen,

Mit dem andren Fehl zu decken.

Welches Heers zahllose Schrecken

Können dir Entschuld’gung leihn?

Welcher Riese, nach dem Schein

Ein beseelt Gebirg der Erden,

Gab dir Recht, besiegt zu wwerden?

Ha, ein schönes Weib allein!

Seht, wie Circe’s Graungebilde

Jede Schutzwehr ihm geraubt;

Wie Medusa’s fruchtbar Haupt

Ihm gedroht vom Demantschilde;

Wie aus des Olyms Gefilde

Zeus mit Blitzen ihn bekriegt!

Ha, ein Weib hat ich besiegt?

Decius.

Ja, ein Weib; doch das auch dich

Wohl besiegte.

(Aurelian wirft den Decius zu Boden und

Setzt den Fuß auf ihn.)

Aurelian.

Feiger, mich?

Wer, dem meine Kraft erliegt?

Kann sich jemals umgestalten

Mein Glanzes Herrlichkeit?

Sprich, hat auch Gewalt die Zeit?

Hat das Glück auch Macht zu schalten?

Kann des Schicksals blindes Walten

Meiner Thatkraft widerstreben?

Decius.

Ja; die Zeit kann Täuschung weben,

Rache kann das Schicksal üben,

Schleunig kann das Glück sich trüben,

Und Enttäuschung i c h erleben.

Gestern warst du gleich Vasallen,

Heute schmückt das Scepter dich;

Feldherr war noch gestern ich,

Heut bin ich beschimpft vor Allen;

Du stiegst auf, ich bin gefallen.

Weil ich fiel, Aurelian,

Steig‘ in Vorsicht du hinan;

Scheu‘ des nächsten Tags Geschicke,

Weil, im Steigen, diene Blicke

Einen Andern fallen sahn.

An des Glückes letztes Ende

Stellt das Schicksal dich und mich;

Doch schon däucht mir, als ob ich

Mich am bessern Ziel befände.

Denn erkennen wir, es wende

Täglich sich des Glücken Blinken,

So kann mir die Furcht nicht winken,

Und du solltest Vorsicht zeigen,

Weil ich sink‘ um nun zu steigen,

Weil du steigst um nun zu sinken.

Sey du so vermessen nicht,

Eben weil ich nicht verzage;

Denn bald kann sich unsre Lage

Wandeln, wenn das Schicksal spricht.

Bald, nach göttlichem Gericht,

Kannst du mir zu Füßen beben

Und ein warnend Beispiel geben

Den Tyrannen.

Aurelian.

Ueber mich

Willst du Sieger seyn, da ich

Hab‘ in meiner Hand dein Leben?

Ende setzt‘ ich deinen Tagen,

Hört‘ ich auf der Furcht Gebot;

Aber giebt es ärgern Tod,

Als so große Schmach zu tragen?

Sterbend leb‘, und laß dir sagen:

Leben läßt dich mein Vertrau’n,

Um des Glückes Macht zu schau’n.

Ich zwar fürcht‘ und acht‘ es nimmer;

Fürchte du’s: das Glück ward immer

Ja gerechnet zu den Frau’n.

Du, erfüllt mit feigem Bangen,

Hoffst Veränderung mit Recht,

Da in schimpflichem Gefecht

Weiberhände dich gezwangen.

(Er nimmt ihm das Schwerdt.)

Dach nicht länger sollst du prangen

Mit dem Stahl; an deiner seite,

Ganz unblutig nach dem Streite,

Wird des mannes Zier entehrt;

Ehre schmückt ein Kriegesschwerdt

Nur, wenn Feindes Blut es weihte. –

Um zu sehn vor allen Dingen,

Welchem Stern Roms Beifall töne,

Will ich nun zuerst die schöne Herrscherinn des Osts bezwingen

Und besiegt nach Rom sie bringen.

Schleunig, auf des Sieges Bahnen,

Zieht; ihr tapfern Veteranen,

Asien zu; der Sonne Glanz

Decken, wie ein Wolkenkranz,

Soll das Flattern meiner Fahnen.

Und Zenobia soll alsdann,

Auf dem Siegeswagen liegend

Und an meinen Fuß sich schmiegend,

Dir beweisen, feiger Mann,

Ob ich die besiegen kann,

Die sich schon durch die Erscheinung

Sicher wähnt‘ in eitler Meinung.

Schnell nach Asien, ihr und ich!

Siegen will ich über mich,

Macht und Schönheit in Vereinung.

(Alle gehen ab, bis auf Decius.)

Decius.

Geh! und gönn‘ es Zeus, du rennest

Allen dreien hin zum Raube,

Daß du dann, besiegt, im Staube,

Mein‘ und deine Schmach erkennest;

Daß der Kranz, nach dem du brennest,

Wenn er deine Stirn umlaubt,

Schnell verwandelt, deinem Haupt

Werd‘ als Wunderblum‘ entwendet,

Blume, die der Morgen spendet,

Blume, die der Abend raubt.

Stest verabscheut sollst du leben;

Keiner soll, trotz deinem Stande,

Achten dich im eignen Lande,

Noch im fremden von dir beben.

Schnell Vergessen soll umweben

Deine Siege, und ein Strahl

Aus des Himmels Höhn, voll Qual

Dein tyrannisch Daseyn enden,

Wenn du nicht von meinen Händen

Stirbst durch deinen eignen Stahl. –

Doch warum – weh über mich!

Schallt so thöricht meine Klage?

Denn nicht bessert meine Lage,

Tilget meine Schande sich.

Schweigt, Ihr Lippen! Seele, sprich!

Denn der Dinge Flucht und Schwinden

Läßt mich Hoffnung noch empfinden;

Weil ja, nach der Liebe Schluß,

Der Tyrann erzittern muß,

Der Beschimpfte Rache finden.

(ab)

Saal im Palast der Zenobia.

Irene und Livius treten auf.

Livius.

Ich erzählte dir, o schöne

Freundinn, daß ich mich, als Erbe,

Um dies Reich mit Recht bewerbe,;

denn Zenobien mangeln Söhne,

Und sie mhofft von Odenathen,

Meinem Oheim, keine mehr.

Irene.

So weit weiß ich's nun.

Livius.

Daher...

Aber darf ich's dir verrathen?

Irene.

Und was fürchtest du?

Livius.

Entdeckung,

Irene.

Doch weßhalb?

Livius.

Ein Weib bist du.

Irene.

O die Zung' hält gute Ruh,

Liegt uns an der That Vollstreckung.

Schweigen um des Vortheils willen,

Glaub' es, findet keine schwer.

Livius.

Nun so fahr' ich fort: daher

Mögt' ich gern die Sorge stillen,

Die durch meines Oheims Jahre

Mir entsteht, und durch die Macht,

Stärk' und Kühnheit, in der Schlacht

Wie im Rath, die ich gewahre

Bei Zenobien. Denn beschieden

Ward ihr jede Herrscherkraft,

Welche Schutz im Kriege schafft,

Welche Rath gewährt im Frieden.

Nun geht meine Furcht dahin,

Falls die größre macht erwürbe,

Daß, sobald mein Oheim stürbe,

S i e vom Volk zur Herrscherinn

Würd' ernannt, und so am Ende

Mir die Königskron' entführte,

Die mir doch als Mann gebührte;

Denn man weiß, durch Weiberhände

Läßt dies Volk sich lieber zähmen.

Irene.

Und was willst du?

Livius.

Sie im Gange

Hemmen, eh sie Zeit erlange,

Meinen Platz für sich zu nehmen.

Irene.

Aber wie?

Livius.

Jetzt ist von Nöthen,

Dein und mein Glück zu berathen;

Tödten mußt due Odenathen.

Irene.

Doch den Odenath zu tödten,

Nicht Zenobien, schadet dir.

Daß nach deines Oheims Tod

Sie regiere: so wird ihr

Eben durch die That genützt,

Die dich selber soll erheben;

Die dich hindert soll ja leben,

Sterben soll, der dich beschützt.

Livius, wenn ich rathen mag,

Reiß' uns gleich als allen Nöthen:

Wär's nicht besser, s i e zu tödten?

So vollbringt's ein einz'ger Schlag.

Livius.

Das ist nicht so schwierig, toll

In Gefahr hinein zu gehn;

Doch, Irene, das: zu sehn,

Wie man ihr entkommen soll.

Wagte diene Hand verwegen

An Zenobien sich, so müßte,

Wenn kein Einz'ger auch es wüßte,

Doch ein Jeder Argwohn hegen.

Bleibt der Welt, in keinem Falle,

Ein Geheimniß doch verhelt!

Keinem Einz'gen wird's erzählt,

Und am Ende wissen's Alle.

Zwar man sieht, für uns ist noch

Gleicher Grund zu beiden Thaten,

Ob wir tödten Odenathen,

Ob Zenobien; aber doch

Wird das Urtheil anders klingen:

Denn es weiß ja jedes Kind,

Daß die Jahre gnügend sind,

Einen Alten umzubringen.

Um die ferner zu erklären,

Weßhalb ich den Odenath

Töten will, da diese That

Mir die Herrschaft könnt' erschweren,

Sag' ich dies: der Tod des Alten

Soll das Vold davon entwöhnen

Einem Weib' als Herrn zu fröhnen,

Und das Weib', als Herr zu schalten.

Ist sie einmal anerkannt,

Dann ist keine Mancht genüglich,

Sie zu stürzen; also klüglich

Werd's bei Zeiten abgewandt.

Stirbt mein Oheim, so kann mir

Die Ernennung jetzt nicht fehlen;

Allen werd' ich dann befehlen,

Und gehorchen einzig dir.

Irene.

Und ich - dies ist meiner Liebe

Letzte Wunsch - ich mögte wohl

Herrinn seyn von Pol zu Pol,

Daß ich deine Sklavinn bliebe.

Livius.

Und um deine Hand zu werben

Gönnst du mir?

Irene.

Zenobien hör' ich.

Livius.

Herrschen oder sterben, schwör' ich.

Irene.

Herrschen, Livius, oder sterben.

Die Königinn Zenobia tritt auf;

ihr folgen Soldaten mit Bittschriften in der Hand.

Erster Soldat.

Eine Bittschrift hab' ich hier

Zur Erwägung. Euch zu sehn

Wünscht' ich nur; dann will ich gehn,

Euch zu dienen.

Zweiter Soldat.

Dies Papier

Wird Ew. Majestät berichten,

Welcher Weis' ich eurem Thron

Dienstlich war.

Zenobia.

Ich ließ mich schon

Von dem allen unterrichten.

Habt, ihr Feunde, nur Geduld,

Bis der König diese gelesen.

Erster Soldat.

Welche Frau!

Zweiter Soldat.

Welch hohes Wesen!

Dritter Soldat.

Welche Kraft.

Erster Soldat.

Und welche Huld!

(gehen ab)

Livius.

(bei Seite)

Welcher Neid! Ich werde toll.

Zenobia.

Livius, du warest hier?

Livius.

Ja; ich harrte, daß zu mir

Nun dein Ohr sich neigen soll.

Zenobia.

(bei Seite)

Ganz verstört, mit bleicher Wange,

Kommt er, um mit mir zu sprechen;

Heute zeigt sich das Erfrechen,

Das ich schon gescheut so lange. -

Warum so zurückgehalten?

Würden, Livius, nicht alle

Deine Wünsch' in jedem Falle

Gern den ersten Platz erhalten?

Livius.

Bis du hier allein verweiltest,

Harrt' ist nur.

Zenobia.

Nun wohl.

Livius.

Ich stand

Hinter dieses Schirmes Wand,

Während du Gehör ertheiltest.

Wüßtest du, was alle sagen...

Zenobia.

O ich weiß, sie sagen hier

Fälschlich manches Lob von mir.

Doch die ist bekannt, mich plagen

Schmeichelei'n; drum laß nur jede

Lobserhebung.

Livius.

Es ist nicht...

Zenobia.

O ich weiß.

Livius.

Es unterbricht

Jedes Wort mir deine Rede.

Glaubst du...

Zenobia.

Und was könnt' ich glauben,

Als daß ich gepriesen ward?

Wer, in deiner Gegenwart,

Könnt' ein Andres sich erlauben?

Du, so treu in deinen Pflichten,

Würdest jedes andre Wort,

Denk' ich, gleich bestrafen dort,

Und nicht hier es mir berichten.

Livius.

Mit dem Schwerdte drein zu schlagen,

Taugt nicht immer.

Zenobia.

Wenn das ist, Taugt's auch nicht zu jeder Frist,

Alles wieder nachzusagen.

Livius.

Solch ein Scepter in der Frauen

Hand zu sehn, empört sie.

Zenobia.

Und warum empört sie's nie,

Eine Frau im Kampf zu schauen?

Livius.

Alles murrt, im Tribunale

Dich zu sehn; und wohl mit Recht

Zenobia.

Murrt denn Keiner, bei'm Gefecht

Mich zu sehn im Waffenstahle.

Livius.

Ihrer Ehre scheint es schimpflich,

Durch ein Weib Gesetze hier

Zu empfangen.

Zenobia.

Doch von ihr

Sieg' empfangen, scheinet glimpflich?

Livius.

Gut ist's nicht, daß diese Gauen

Du beherrschest.

Zenobia.

Wohl ist's gut,

Fehlt's den Männern doch an Muth,

Daß die Herrschaft sey den Frauen.

Livius.

Wie es scheint, sprichst du von mir.

Zenobia.

Wider dich spricht dein Betragen.

Livius.

Sag' ich doch, was Jene sagen.

Zenobia.

Jener Antwort sag' ich dir,

Denn nicht kenn' ich jene dort;

Dich nur hört' ich Klag' erheben,

Drum muß ich die Antwort geben;

Gieb du jenen sie sofort.

Und du magst, da, (wie zu denken)

Als du sie mir vorgebracht,

Auch die Antwort nun bedenken:

Mir kommt's zu, Gericht zu hegen,

Furchtbar jedem Missethäter,

Wenn ich lasse dem Verräther

Seinen Kopf zu Füßen legen.

Livius.

Mich betrübt es...

Zenobia.

Geh von hinnen!

Livius.

Dich zu sehen...

Zenobia.

Ja, das denk' ich.

Livius.

Dich zu sehen...

Zenobia.

Geh von hinnen!

Livius.

So erzürnt...

Zenobia.

Das Weitere schenk' ich.

Livius.

(bei Seite)

O mein thörichtes Beginnen!

(ab)

Zenobia.

(zu Irenen)

Unklug hat er sich selbst erklärt,

Was er zu erreichen wähne;

Fürchten müßt' ich, wär', Irene,

Mir zur Seite nicht dein Schwerdt.

Wenn er wagt, mich zu beleid'gen,

Weil er mich als Weib betrachtet,

Werd' es auch für recht geachtet,

Mich durch Weiber zu vertheid'gen;

Und du bist, ich weiß, der Frauen

Treueste mir.

Irene.

Als Sklavin lebe

Ich für dich allein, (ich bebe)

Wie du wirst durch Thaten schauen.

P e r s i u s tritt auf, ohne die Anderen zu bemerken.

Persius.

(für sich)

Drei der Mittel giebt's auf Erden,

Um zu fördern unsre Sachen;

Erstens: muß man Hochzeit machen;

Zweitens: muß man Wittwer werden;

Drittens: muß man später lügen,

Doch mit Kunst. Von diesen drei'n

Soll es nun das letzte seyn,

Dem ich denke mich zu fügen.

Ein Soldat bin ich, zur Noth,

Und ich schonte stets mein Leben;

Nun, im Sande fand ich eben

Einen tapfren Krieger todt.

Diese Schriften hier, ein Zeugniß

Seiner Thaten, hinterließ er,

Denk' ich , mir; (Antonius hieß er)

Und benutzend das Eräugniß,

Hol' ich unter seinem Namen

Mir den Lohn, der erste nicht

Bin ich ja, der Früchte bricht,

Die gereift aus fremden Saamen.

Irene.

(zu Zenobien)

In dein Zimmer, Herrinn, wagt

Sich ein Kriegsmann.

Zenobia.

Irene,

Allen Kriegern hab' ich jene

Freiheit nimmer noch versagt.

(zu Persius)

Wer seyd ihr?

Persius.

(kniet nieder)

Ich will's berichten,

Wenn mein schmutz'ger Mund in Muße

Diesem deinen Zwerg von Fuße

Einen Kuß erst darf entrichten.

(er steht auf und überreicht die Papiere.)

Antwort wird auf deine Fragen

Dieser Schriften Zeugniß seyn.

Zenobia.

Und wie heißt ihr?

Persius.

Persius - nein,

Nein, Andronius wollt' ich sagen.

Zenobia.

Ihr, Antonius?

Persius.

Jederzeit.

Zenobia.

Gut, daß ich euch hier empfange.

Euch zu kennen wünscht' ich lange;

Denn von eurer Tapferkeit

Weiß ich.

Persius.

Deiner Gnade Schluß

Kann sie mir allein gewähren.

(B.S.) Schön mein Glückchen!

Zenobia.

(lesend)

"Einen schweren

Kampf durchfocht Andronius." -

Und in welchem Kampf befand

Sich der Tapfre?

Persius.

(bei Seite)

Bei den Ohren

Packt sie mich. (laut) Ich ging verloren,

Eh ich noch in ihm mich fand.

Zenobia.

Wie?

Persius.

Ein Weinberg hatt' 'nen Riesen

Zur Bedeckung; jede Beere

Schien ein Faß an Größ' und Schwere.

Einst nun mußt' ich gegen diesen

Goliath zu Felde ziehn;

Trauben sollt' ich für die Schaaren

Holen, weil sie hungrig waren.

Da er mich zu merken schien,

Sucht' ich, bei dem Einen Male,

Mehr in List als Muth mein Wohl:

Eine Beere macht' ich hohl

Und verkroch mich in die Schaale.

Er, der Menschenfleisch indessen

Ausgewittert, naht sich sachte.

Was geschah? Der Teufel machte

Eben jetzt ihm Lust zu essen.

Just d i e Beere wollt' er gern;

Und so schluckt' er meine Glieder,

Halbgeklaut, auf einmal nieder.

Doch, im Wahn, ich sey der Kern,

Spuckt' er so mich wieder fort,

Daß ich gleich, in einem Bogen,

Bis zum Heere kam geflogen,

Funfzig Meilen weit von dort.

Zenobia.

(lesend)

"Ohne Leiter, einen Wall

Hat Antonius erklommen."

Persius.

Da ich dieses unternommen,

War ich leichter als ein Ball.

Zenobia.

Wie geschah es?

Persius.

Als ich kam,

Sah ich eine Tanne neben

Jenem Walle sich erheben.

Und was macht' ich nun? Ich nahm

Einen Strick und zog hernieder

Bis zu mir, des Baumes Gipfel,

Setzte keck mich auf den Wipfel

Und ließ nun die Schlinge wieder

Langsam nach. Kaum aber fand

Er sich frei, so schnellt' er sich

So gewaltsam auf, daß ich

Auf dem Walle mich befand. -

Mit so abgeschmacktem Zeuge

Wünsch' ich bloß dir Spaß zu machen,

Nicht, als wären wahr die Sachen;

Doch der Himmel ist ja Zeuge

Meiner Thaten, und nicht gut

Wär' es, sie zu wiederholen.

Zenobia.

Gut hast du dich mir empfolen

Durch Bescheidenheit und Muth.

Um dich selbst nicht zu erheben,

Miedest du zwar den Bericht,

Aber die Vollbringung nicht,

Und ergötztest mich daneben.

Mehr Vertraun ist dir gelungen

Zu empfahn mit deinen Siegen

Dadurch, daß du sie verschwiegen,

Als indem du sie errungen.

Lob erniedrigt nur den Helden,

Und so bin ich die verpflichtet;

Was mir dies Papier berichtet,

Brauchst du selbst mir nicht zu melden.

Und da mir zu gleicher Zeit

Dein Verstand und Muth gefallen,

Sey von nun an, du vor Allen,

Meinem nächsten Dienst geweiht.

Persius.

(niederknieend)

Welches Heil wird mir erwiesen!

Diesen Fuß lass' ich nicht mehr;

Nannt' ich Zwerg ihn auch vorher,

Nenn' ich jetzt ihn einen Riesen.

C r o t i l d e tritt auf.

Crotilde.

Dich zu sprechen wünscht ein Mann

Mit verhülltem Angesicht;

Seinen Namen nennt er nicht,

Doch giebt sich als Römer an.

Dir sey's wichtig, sagt er.

Zenobia.

Mir?

Laß ihn kommen.

Persius.

Doch betrachte...

Wenn der Teufel Unheil machte...

Zenobia.

Du, Andronius, beleibe hier,

Denn sein Plan ist uns verholen;

Und nie kann ich sichrer seyn,

Als bei dir.

Persius.

Wahrhaftig, nein!

Laß noch hundert Andre holen.

D e c i u s tritt auf, mit verhülltem Angesichte.

Decius.

(niederknieend)

Sieh mich Herrinn, dir zu Füßen.

Persius.

Reichen Hundert auch wohl zu?

Zenobia.

Steh nur auf.

Decius.

Vergönne du,

Hier allein dich zu begrüßen.

Persius.

Sprich nur, da er dich allein

Sehn will, daß ich mich entferne;

Ich bin höflich, und nicht gerne

Mag ich Schuld an Störung seyn.

Zenobia.

Nun wohlan, entfernt euch alle.

Persius.

Herzlich gern.

Irene.

So laßt uns gehn.

Zenobia.

Aber draußen bleibe stehn

Und sey dort, in jedem Falle,

Fertig und bereit.

Persius.

(beängstigt)

Schon gut.

Zenobia.

Kannst du gleich so zornig werden?

Schon, in Stimm' und in Geberden, (bei Seite)

Zeigt sich deutlich seine Wut.

Mäß'ge dich. (laut)

Persius.

Wenn du's verlangst.

Zenobia.

Was er will, ist wohl nicht schlimm.

Persius.

Nun, ich mäß'ge mich. (bei Seite) Für Grimm

Hält sie meine Todesangst.

(I r e n e, C r o t i l d e und P e r s i u s gehen ab.)

Zenobia.

Sie sind fort; jetzt kannst Du melden,

Was zu kommen dich bewog,

Kannst dein Angesicht enthüllen

Und der Luft vertraun das Wort.

Doch wie kommt's daß Sprach' und Regung

Sich zugleich bei dir verlor?

Du bist jetzt allein, du säumst?

Ich bin jetzt allein, du stockst?

Fasse Muth; es wäre denn,

Daß die Furcht dich erst bedroht,

Seit du mich sahst.

Decius.

Wohl gesprochen;

Denn wofern mich Furcht bedroht,

Ist es, seit ich dich gesehen.

Sieh, ob dich mein Mund betrog. (enthüllt sich)

Kennst du mich?

Zenobia.

Ich kenne dich;

Du bist Decius.

Decius.

Nimmer wohl.

Zenobia.

Wer denn sonst?

Decius.

Ich weiß es nicht;

Denn so fremd bin ich mir schon,

Daß ich an mir selbst zweifle.

Decius war ich einst, da noch

Ehre mein war; doch ich kenne

Mich nicht mehr, seit sie entflohn.

(Zenobia greift nach dem Schwerdte.)

Lass dein Schwerdt nur in der Scheide;

Denn begehrst du meinen Tod,

So bedarfst di keiner Waffen,

Als des Grams, der mich durchbohrt.

Dieser wird mein Mörder werden,

Wenn in ihm, bei solcher Noth,

Strenge nicht bei'm Mitleid, oder

Mitleid bei der Strenge wohnt.

Du indeß vernimm die Worte,

Deren rasch ergoßner Stro,

Früher sich vom Herzen losreißt,

Als er von der Lippe wogt.

Wohl ist dir bewußt, Zenobia,

Daß, als auf dem Schlachtfeld dort

Ich den Umfang deiner Stärke

Und den Umfang deiner Stärke

Und den eignen Muth erprobt -

Daß kein Mangel meines Ruhms

Damals mir den Sieg entzog,

Nicht die Ohnmacht deiner Thaten,

Sondern meines Sterns Gebot.

Ein Tyrann nun, ein grausamer

Und barbarischer Despot,

Den das Heer, uneins, ohn' Ordnung,

Auf den Kaiserthron erhob,

Braucht' in Gegenwart von Allen,

Frech, zu meiner Ehre Hohn,

Solche Thaten, solche Worte -

Hier versagt der Stimme Ton,

Hier verstummt mir meine Zunge,

Hier flieht die Vernunft mir fort,

Hier erstarrt mir die Besinnung,

Hier giebt mir der Schmerz den Tod -

Solche Worte, solche Thaten,

Die mir werden zum Gebot,

Daß ich unter'm Wilde lebe,

Aus der Sonne Glanz entflohn,

Wenn ich nicht durch größre Rache

Mich der mindern Schmach enthob.

Und er that's, weil ich besiegt ward,

Gleich als trüg' ich selbst das Loos

Meines Schicksals in den Händen;

Nicht erwägend, wie so oft

Sich des Glückes Wirkung ändert;

Wie das Leben gleich dem Flor

Einer Blume, die sich aufzehrt,

Gift'ger Wurm im eignen Schooß;

Einem Mandelbaum voll Blüthen,

Der, auf seine Schönheit stolz,

Bei der Mittagswinde Säuseln

Pracht und Eitelkeit verlor,

Einem Bau, der schier ein Atlas

War der Sphärenregion,

Und in Staub, vom Blitz zerschmettert,

Auflöst seinen eitlen Pomp;

Einer Flamme, die durch's Dunkel

Strahlt, ein leuchtend Meteor,

Aber Licht und Schimmer einbüßt

Bei des Windes leisem Stoß.

Doch warum dich so ermüden?

Denn das beste Beispiel doch

Ist ein Mensch, voll Leben gestern,

Heut ein starrer Erdenklos.

Aber (wehe mir!) wohin

Reißt die Leidenschaft mich fort?

Höre Weiter: dieser Kaiser,

Voll von Grausamkeit und Stolz,

Aufgebracht, daß ich von dir

Solche Schilderung ihm bot,

(War sie gleich für deinen Werth

Zu geringe) warf mir vor,

Liebe sey's, die mich besieget.

Ich bekenn's daß er nicht log;

Doch mich haben Lieb' und Stärke,

Kraft und Schönheit unterjocht,

Denn zweimal errangst du Sieg,

Weil ich zweimal ihn verlor.

Dieser Kaiser nun, verachtend

Deines Ruhms Glorie, schwor,

Daß er über Kraft und Schönheit

Triumphiren werd' in Rom.

Dich bedroht sein Zug, schon naht er;

Denn gerüstet standen schon

In Numidien seine Schaaren,

Und schnell brach er auf von dort.

Rom sah nie eine Heer von solcher

Stärke; jegliche Schwadron

Scheint ein Stahlgebirg, der Helme

Federn sind ein Blumenflor;

Seine flatternden Paniere

Sind ein Schrecken alles Volks,

Wann der Stolzen Adler Fittig

Sich zur Sonne schwingt empor.

Wohl, Zenobia, ist uns beiden

Dieser Sieg entscheidungsvoll;

Seh' Aurelian, die mich,

Könn' auch ihn besiegen wohl.

Dies dir zu verkünden eilt ich,

Daß du sichrer, wann er kommt,

Ihn empfangst. Noch einmal schlage

Rom, und füge zu dem Pomp

Deiner Sieg' auch den noch über

Aurelian; denn ich, durchwogt

Von dem streitenden Gefühle,

Das die Sieg, mir Ehre hofft -

Dies zu melden komm' ich, wider

Dich zu kämpfen, eil' ich fort.

Zenobia.

Mehr Verdruß hat mir verursacht,

Deine Schmach, als, wenn er kommt,

Aurelian mir Furch erreget;

Jene schafft, nicht er mir Noth.

Komm' er nur mit seinem Heere,

Wär' es auch zahlloser noch,

Als der Sand am Meer, der Staub,

Der im Strahl der Sonne wogt;

Schlepp' es mit sich Feuerschlünde,

Mächt'ger als Minervens Roß,

Das der listige Verräther

Ueber Troja's Wall erhob;

Wimmeln mag's von Elephanten,

Den beseelten Bergen, dort,

Den lebendigen Vulkanen

Mit verderbenschwangerm Schooß.

Rom mag ganz verödet bleiben;

Denn, bei'm Zeus, dem großen Gott!

Das verdrösse mich am meisten,

Käm' er nicht an diesen Ort,

Wo er nun für deine Schmach

Und die meinen Büßen soll.

Daß ich dich besiegt, verdrießt ihn?

Und in thöricht eitlem Stolz

Nennt er thöricht nun das Schicksal,

Feige nun die Lieb', und doch

Hat er nimmer sie empfunden?

Meinen Ruhm zu mehren, soll

Nun die Lieb' ihn überwinden,

Nur um meine Glorie noch

Zu vergrößern. - Ist uns beiden

Dieser Sieg entscheidungsvoll,

Decius, so bleibe hier;

Führer meines Heers hinfort

Sollst du seyn.

Decius.

Verräter würd' ich

Nun am Vaterland? An Rom?

An Aurelianen darf ich's, doch

An den Meinen nicht. Das wäre

Nur Bestät'gung seines Hohns.

Zenobia.

Geh denn, Stolzer; und bekenne,

Nur dein Hochmuth treibt dich fort.

Und ihn zu befried'gen, bin ich

Deine größte Feindinn schon.

Geh nur, geh!

Decius.

Und danken muß ich

Dem Geschick, daß es mir bot

Dieses Glücks Gelegenheit,

Ja, mein Unglück selbst mir bot.

(Man hört Trommeln.)

Zenobia.

Welch Getös' ist dies?

Decius.

Die Trommeln

Aurelians erschallen dort;

Doch, vom Windhauch gebrochen,

Naht ermattet uns ihr Ton.

Zenobia.

Heut soll Aurelian mich sehen!

Decius.

Und seh' ich dich heut nicht noch?

Zenobia.

Nein; denn wider mich kämpfen

Gehst du.

Decius.

Wirfst du dies mir vor,

So halt' ein; denn wiss', ich bleibe,

Dir zu dienen

Zenobia.

Nein, nicht so.

Gern zwar hätt' ich dich im Lager;

Aber lieber seh' ich doch

Mir zum Schaden dich mir Ehre,

Als zum Vortheil ehrenlos.

Geh nur; wir sehen uns wieder

Auf dem Schlachtfeld.

Decius.

Werd' ich dort

Dich erkennen?

Zenobia.

Ja; du kannst,

Daß ich dich erkenne dort,

Diese Schärpe tragen.

(Sie giebt ihm eine Schärpe.)

Decius.

Himmel!

Darf ich für ein Zeichen wohl

Deiner theuren Gunst sie achten?

Zenobia.

Nicht ich, du bist's, dem dies frommt.

Achte du wofür du willst,

Was ich nur zum Merkmal bot. (Trommeln)

Aber lauter widerhallen

Die gedämpften Trommeln schon.

Fort, um ihn zu treffen, eil' ich .

Decius.

Ich zu treffen, eil' ich fort.

Zenobia.

Lebe wohl! Tod Aurelianen!

Decius.

Heil Zenobien! Lebe wohl!