Theatertexte

Adolph Müllner

Dritter Akt.

Glänzender Saal. Auf den Wänden Schildereien spanischer Sitte und Naturscenen, unter welchen sich die in der ersten Scene dieses Akts erwähnten drei Landschaften auszeichnen.

________

Erste Scene.

V a l e r o s  von  O t t o  mitten in den Saal geführt.

Otto.

Sieh dich um! - Gefällt dir's hier?

Valeros.

Sehr.

Otto.

Das ist der span'sche Saal;

Links und rechts die span'schen Zimmer.

Gräfin Jerta nennt sie immer

So, und theuer sind sie ihr.

Ihre Mutter ist einmal

Lang in unserm Land gewesen;

Diese hat mit vieler Müh

Die Tapeten ausgelesen,

Und die Bilder, die du siehst,

Malen lassen. - Zeigend. Das da ist

Talavera.

Valeros,

nachdem er es angesehen.

In der That!

Otto

vor einem anderen Gemälde.

Das hier ist der Mont perdu.

Schau' ein Berg von solcher Höh,

Daß nie oben schmilzt der Schnee,

Niemand ihn erstiegen hat.

Valeros.

Kenn' ihn.

Otto.

Ist dir auch bekannt,

Daß er ist der Diamant

In der Pyrenäenkette,

Die Europa's Halsband ist?

Valeros

lächelnd.

Wer hat so ihn genannt?

Otto.

Wer? - Ich weiß nicht, wie du bist!

Als ob i c h gelernt nicht hätte,

Daß Europa ist ein Weib:

Andre Länder sind der Leib,

Und wir Spanier das Gesicht.

Darum sehn wir stolz hernieder

Auf die andern, schlechten Glieder.

Valeros.

Sieh, der Kastilianer spricht

Aus dem Knaben schon.

Otto.

Dem Knaben?

Leider gelten hier dafür

Alle, die mein Alter haben,

Und fürwahr, die sind's auch hier.

Mit Selbstgefühl.

Unter unserm Sonnenlicht

Reifen früher alle Gaben.

ZU einem dritten Gemählde tretend.

Diesen Ort hier kennst du nicht;

Es ist eine kleine Stadt,

Die Gesundheitswasser hat,

Liegt in Frankreich. Dort auch war

Jerta's Mutter.

Valeros.

Sonderbar!

's ist Barège!

Otto.

Kennst Du sie?

Sie gefällt mir nicht so, wie

Talavera.

Valeros

beklommen.

O, mir auch nicht!

vor sich.

Muß ich hier mit neuem Schmerz

In die finstre Thalschlucht schauen,

Wo der Aberglaube zum

Unnatürlichsten Beginnen

Eine edle Seele trieb?

Jene Prophezeihung und

Dieser schreckliche Verdacht - !

Eins, Gott sei gelobt! muß lügen.

Otto.

Du verfällst in Traurigkeit

In dem schön verzierten Saale?

Das wird Hugo leid thun, mein' ich.

Valeros

aus der Zerstreuung auffahrend.

Wem?

Otto.

Dem Grafen. - Dir zu Ehren

Ließ er diesen Flügel öffnen;

In  d e n  Z i m m e r n  sollst du wohnen,

Und in diesem Saale will er

Diesen Abend mit dir seyn,

Und mit Jerta und Elviren.

Valeros.

Ist er völlig wieder wohl?

Otto.

Ziemlich - Aber sagt' ich dir's

Nicht: du solltest schweigen - ihm

Nicht von meinem Vater sprechen?

Das verträgt er einmal nicht.

Valeros.

Das ist seltsam.

Otto.

O, ich weiß

Wohl warum?

Valeros

angelegentlich.

Du weißt es? Rede!

Otto.

Vater starb zu einer Zeit,

Wo der Graf sein Leben

Hätte d'rum gegeben,

Daß er  n i c h t  gestorben wäre.

Valeros.

Woher weißt du das?

Otto.

Sie waren

G u t e   F r e u n d e, seit fünf Jahren,

Wo der Graf in unsrem Land

Ankam, fremd und unbekannt.

Valeros.

Wirklich?

Otto.

Ja, der Vater hatte

Ihn so lieb beinah, wie mich.

Valeros.

Und der Graf?

Otto.

Der Graf ihn wieder.

Valeros.

Meinst du?

Otto.

Lieber noch als sich;

Denn es wagte ja sein Leben

Offenbar für Karlos d'ran.

Valeros.

That er das?

Otto.

Das will ich meinen!

Valeros.

Wo und wie?

Otto.

Nun hör' nur an:

's war ein Stiergefecht, ein kleines,

Wo das Thier blos wird gehezt.

Eh' das Spiel noch angegangen,

Stieg der Vater vom Balken

Mit verschied'nen fremden Damen,

Welche dieß und jenes wollten

In der Nähe sehn, hinab

In den Zwinger. - Plötzlich sprang,

Schlecht verriegelt,  a u f  die Thür

Von dem Stall.

"Der Stier, der Stier!"

Schrie's dort und hier;

Die Damen all

Entflohn geschwind,

Und warfen, furchtsam wie sie sind,

Am Zwinger vorn

Die Thür in's Schloß.

"Die Hunde los!"

Wurd' nun geschrien,

Doch nicht gethan.

Das Unthier schoß,

Auf Karlos an;

Warf nieder ihn ,

Und schrecklich dringt

"Er ist verloren!"

In unsre Ohren.

Auf einmal springt,

Schnell wie der Blitz,

Vom hohen Sitz

Hinab der Graf -

Valeros

einfallend.

Ah! das war brav!

Otto.

Und zieht den Degen,

Und fällt verwegen

Zur Seite den wüthenden Ochsen an.

Der wandte sich,

Und  e r  kam dran;

Allein der Stich,

Den er gleich Anfangs ihm gegeben,

War eingedrungen bis auf's Leben;

Und wie ihn eben

Der Stierdurchbohren will,

Da stürzt er mit Gebrüll

In seinen Füßen nieder,

Zucket und streckt die gewaltigen Glieder,

Und von "Bravo!" schallt die Gegend

wieder.

Valeros.

Sahst du selbst -?

Otto.

Ich war dabei.

Valeros

vor sich.

Ja, das löscht den Argwohn aus,

Und ich atme wieder frei

In dem ahndungsvollen Haus.

Zu Otto.

Habe Dank für die Beschreibung

Solcher spanisch edlen That.

Otto.

Was der Graf für Karlos wagte,

Hätte dieser auch gethan.

Sieh, und dennoch konnten solche

Freunde sich entzweien -

Valeros.

Was?

Glimmt der böse Funke wieder?

Wie geschah's?

Otto.

Das weiß ich nicht.

Als der Vater stürzte, war es

Drei, vier Tage, daß sie sich

Zürnend nicht gesehen hatten.

Das nun eben quält den Grafen,

Daß sein Freund hat sterben müssen.

Eh sie wieder einig waren.

Valeros

halb vor sich.

Das, ja, oder - das Gewissen.

Otto.

Darum stürzt' er, außer sich,

Selber einer Leiche ähnlich,

Auf des Vaters Leiche hin.

"Karlos, bist du unversöhnlich?"

Jammert' er, und küßte ihn,

Und umarmte weinend mich,

Bis erschöpft er niedersank.

Valeros.

Weinen, sagst du? Vor sich. Hm, gewöhnlich

W e i n e n  Meuchelmörder nicht.

Otto.

Darum macht's ihn trüb und krank,

Wenn man von dem Unfall spricht,

Der, so sehr er's schien zu lieben,

Ihn aus Spanien hat vertrieben.

Valeros

vor sich.

Seltsam! Wie mit ungewissem

K r i e g s glück theilen Lieb' und Haß

Meines Busens engen Raum

Um den Menschen.

Otto.

Horch! er kommt.

Nun will ich euch Jerta senden,

Die sich sehnet, dich zu sehn.

Ab.

______


Zweite Scene.

V a l e r o s.   H u g o.

Hugo

ernst.

Nochmals seid willkommen, Ritter,

In der nordisch finstern Burg.

Ihre freundlichen Gemächer

Sind euch freundlich aufgethan.

Valeros.

Freundlichkeit, Herr Graf, ist besser

Im  G e s i c h t, als an der  W a n d.

Hugo.

Wand ist  T o d t e s, und das Todte

Ohnre Wandel; das Gesicht

Trägt des  A u g e n b l i ck e s  Farbe,

Bis es todt ist, wie die Wand.

Valeros.

Möchte  e u r e s  bald die seine

A e n d e r n! - Ihr empfingt mich nicht

Wie den Vater eures Freundes.

Hugo

rasch.

Weil ihr so nicht seid  g e k o m m e n. -

Ruhiger.

Warum rißt ihr Wunden auf,

Die so tief und schmerzlich sind,

Die Hand auf der Brust.

H i e r  wie in Elvirens Brust?

Valeros.

In der That, bei beiden war

Ich sie tiefer nicht vermuthend,

Als im  V a t e r herzen.

Hugo.

Ihr

Habt zum mindesten gesehen,

Das  e m p f i n d l i c h e r  sie sind;

Denn was  i h r  erzählen konntet,

Hatten  w i r  nicht Kraft zu  h ö r e n.

Valeros sieht ihn prüfend an, er fährt fort.

Ihr seid Vater, und ihr weint,

Weil ihr einen Sohn verloren?

Ich verlor  m i c h  s e l b s t  in ihm!

Zauberisch hat dieser Mensch

Mich verdoppelt und getheilt,

Mich beseeligt und zerrissen,

Wie im Leben, so im Tode!

Valeros

zweifelnd mit Befremdung.

Wie?

Hugo.

Ein frommer Rittersmann

Reitet in den Hexenwald,

und vergißt das Kreuz zu schlagen.

Plötzlich fällt ein Heid' ihn an,

Von der nemlichen Gestalt,

Mit demselben Halm und Kraken.

Und der Christ ficht mit dem Heiden,

Und der Helm entstürtzet beiden,

Und mit Grauen

Sieht, bei Zauberblitzes Licht,

Jeder Kämpfer  s e i n  Gesicht

Aus der fremden Rüstung schauen.

Dennoch, als der Blitz verschwunden,

Treibt der Nacht

Blinde Macht

Jeden wieder,

In die Glieder

Seines Feindes tiefe Wunden,

Die er  s e l b s t  fühlt, einzuhauen.

So auch, seit mein irrer Fuß

Ist in Karlos Haus eingeschritte,

Bin ich mit mir selbst zerfallen

In zwei feindlich fremde Wesen,

Die sich immerdar befehden.

Valeros.

Dunkel sind mir eure Reden;

Doch ihr malt im Räthselspiele

Ziemlich, was ich selber fühle.

Wechselnd bald, und bald zugleich

Eint es und entzieht mich euch.

Hugo.

So mit euch auch geht es mir.

Valeros.

Welchem Triebe darf ich folgen?

Hugo

nach einigem Stillschweigen, schwer.

Haßt mich!

Valeros.

Daß ich's nicht vermag,

Deutet, daß ihr's nicht verdienet.

Hugo

ohne aufzusehen.

Nun, so liebt mich!

Valeros.

Dann so scheint's,

Muß ich eure  G a t t i n  hassen.

Hugo

aufgeschreckt.

Wie? - Was meint ihr?

Valeros.

Offen, Graf:

Eins von euch, so muß ich glauben,

Hat an Karlos sich  v e r g a n g e n.

Hugo.

M ü ß t  ihr; nun so glaubt's von  m i r:

Denn an mir könnt ihr ihn rächen

Mit dem Degen in der Hand.

Valeros.

E u c h  vertreten alle Stimmen,

Die in Spanien ich vernommen.

Alle nennen euch:  d i e  F r e u n d e.

Hugo

tief bewegt.

Ja, wir waren's! - Nehmt das Wort

Nicht, wie es die  M o d e  giebt.

Von geheimnißvoller Macht

Zu einander hingezogen

Einte unser Leben sich,

Wie zwei Ströme sich begegnen.

Einzeln schlängeln sich die Brüder,

Kaum den Kahn zu tragen mächtig,

Schüchtern durch der Berge Lücken;

Doch  v e r e i n i g t  rauschen sie,

Reicher jeder durch den andern,

Hochgeehrt durch's offne Land,

Und mit schwerer Schiffe Last

Spielen leicht die stolzen Wogen.

Er schweigt. Ein Seufzer zeigt das Erwachen schmerzlicher Erinnerungen.

Valeros.

Gleicht das Gleichniß dem Verglichenen:

War't ihr zu beneiden. - Wie

Einten sich, und wo, die Ströme?

Hugo.

Ohne Aeltern, ohne Brüder,

Keiner Seele blutsverwandt,

Nahm mich Talavera, wo

So viel edle Spanier leben,

Gastlich auf in seinen Mauern.

Karlos, damals dort noch heimisch,

Bis der König ihm befahl,

In Torosa zu befehlen,

Lernt mich kennen, seine Wohnung

Wird mein väterliches Haus,

Und mir ist, als hätten diese

Zimmer mich als Kind umgeben,

Diese ernszen Ahnenbilder

Von der Wand mich angesehen,

Und Gesichter, diesen ähnlich,

Und dem euren und dem seinen,

Meine Wiege schon umstanden.

Seine Heimath, die ich suchte,

War gefunden, Karl war mein,

M e i n  Kind war sein Sohn - Elvire

War mir werth, wie eine Schwester -

Schmerzlich.

Oh mein Karlos! -

Valeros

ergriffen.

Edler Mann!

Nein, wer  s o  geliebt, der konnte

So nicht fallen!

Hugo

aufgeschreckt.

W i e  nicht?

Valeros.

Laßt

Mich nicht  s a g e n, was ich mich

Je  g e d a c h t  zu haben schäme.

Was ihr meinem Sohn gewesen,

Seid's dem Vater nun:  E i n  F r e u n d!

Hugo,

ihn starr ansehend.

Euch? - Doch ja,  i h r  könnt es wagen,

Denn ihr habt kein schönes Weib.

Valeros

entsetzt zurückschreckend.

Hugo!

Hugo

rasch und gepreßt.

Richtet nicht! Ihr seid

Mensch, besteht aus Geist und Leib,

Und gehört dem Himmel heut,

Und der Hölle morgen an.

Freier und gefaßter.

Rechtet mit der  S o n n e n b a h n,

Die dem Scheitel naht im Süden,

Um der Unschuld goldnen Frieden,

Den der Sinne Wahn zerrissen,

Und zwei unbewachte Blicke.

Nach einer Pause.

Kennt ihn nun den Rittersmann,

Der in Zauberwaldes Nacht

Ewig mit sich selber Kämpfet?

Habt ihr Mitleid mit dem Armen,

Der den  F r e u n d  liebt, und zugleich

Für des Freundes  G a t t i n  glühet?

Habt ihr Sinn für meine Qualen,

Wenn ich Karlos Wittwe küsse,

Und mir wilde Phantasien

Seinen unversöhnten Schatten

Auf die leeren Wände malen?

Valeros.

Graf! Bin ich in  v o l l e m  Lichte?

Weiß ich  a l l e s?

Hugo

mit Ueberwindung

Alles, was

Mein zu freier Schaltung ist

Von der traurigen Geschichte.

Valeros

nach einer Pause.

Rein sind seel'ge Geister nur.

Ich  b e k l a g'  euch, Oerindur,

Richt' euch Gott, wie ich euch richte.

Hugo

halb vor sich.

Amen!

Valeros.

Eure Damen kommen

Hugo

rasch.

Freundlich, Ritter, mit Elviren!

S i e  ist schuldlos.

______


Dritte Scene.

E l v i r e.  J e r t a.  Die  V o r i g e n.

Valeros

nach stummer Begrüßung mit Jerta, zu Hugo.

Eure Schwester?

Hugo

mit einem schwach markirten Seufzer.

Ja und - nein.

Elvire

lebhaft.

Ja!

Jerta.

Nein, Herr Ritter!

Elvire.

Doch! euch eint ein heilig Band,

Das mein Wahnsinn nicht soll trennen,

Und du  m u ß t  ihn Bruder nennen,

Bist du gleich ihm nicht verwandt.

Jerta.

Eine Schwester, lieb' ich  e u c h,

Seine Gattin, ob ihr gleich

Schwer und kränkend mich verkannt.

Valeros.

Schöne Frauen, weiht mich ein

In den edelmüth'gen Zwist!

Wenn das Gräfin Jerta ist,

Ist der Graf ihr Bruder.

Jerta.

Nein.

Er trägt meines Stammes Namen

Durch des Königs Gnade.

Hugo.

So

Ist es, Ritter, mir zur Pein.

M e n s c h e n  schenkten, nicht der  H i m m e l,

Jerta's Aeltern mich als Kind.

Valeros

gespannt.

S c h e n k t e n  euch? - ihr  k a n n t e t  eure

Aeltern?

Hugo.

Nein.

Valeros

zu Jerta, rasch und angelegentlich.

War eure Mutter

Eine Deutsche?

Jerta.

Nein.

Elvire.

Ihr nehmt

Großen Antheil an der Sache.

Valeros.

Eine ähnliche Geschichte -

Eine plötzliche Vermuthung,

Unterstützt durch diese Landschaft -

Es ist nichts.

Hugo.

Es könnte doch -

Theilt uns die Geschichte mit.

Valeros.

's ist unmöglich, daß -

Hugo.

Ich bitte!

Diese Landschaft, sagt ihr? Just

Hier, in diesem kleinen Orte,

In Barège's Thale, schwindet

Meines Ursprungs dunkle Spur,

Der ich mühsam nachgegangen.

Wenn ihr's für unmöglich haltet,

Daß mich's aufklärt, was ihr wißt,

Ueberzeugt davon auch mich.

Valeros

trübe.

Ungern mag ich einer Mutter

Unnatürliche Verwirrung

Offenbaren.

Elvire.

Ihren Namen

Könnt ihr ja verschweigen.

Valeros.

Nun,

Um zufrieden euch zu stellen:

Enes Edelmannes Gattin,

Laura, wunderlich erzogen,

Jedem Aberglauben treu,

Den als Kind sie eingesogen,

Liebte bis zur Schwärmerei

Ihren erstgebornen Sohn.

Hugo.

War sie Spanierin?

Valeros.

Von kastilischem Geblüte.

Hugo.

Wirklich? Seht, das träfe schon.

Valeros.

Ihren Sohn am Arm, und eine

Zweite Niederkunft erwartend,

Stößt sie einst, bei Talavetra

Sich ergehend, auf ein Weib

Von zigeunerhaftem Wesen,

Wie sie häufig dort vom Stehlen

Oder Betteln, und daneben

Vom Prophetenhandwerk leben.

Laura weigert ihr die Gabe,

Die sie unbescheiden heischt,

Und die hocherzürnte kreischt:

"Tage lang wirst du die quälen,

Eh' du quit wirst deiner Last.

Ist, was du gebierst, ein  K n a b e,

W ü r g t  e r  d e n,  d e n  d u  s c h o n  h a s t;

Ist's ein Weibsbild, stirbt's durch ihn,

Und du fährst in Sünden hin!"

Elvire.

Eine grauenvolle Warnung!

Valeros.

Dafür, leider, nahm es Laura,

Was alltägliches Beginnen

Ist bei jenen Bettlerinnen.

Eines  K n a b e n  ward sie ledig

Unter Tage langer Pein,

Und der Spruch, zur Hälft' erfüllt,

Ist ihn nun der Zukunft Stimme.

Las der Kleine - (O t t o  hieß er,

Weil den Namen seine Pathe,

Eine  d e u t s c h e  G r ä f i n, wählte)

Als er kaum im Stande war,

Auf den Füßen sich zu halten,

Zitterte die Mutter schon,

Ohn' es jemand kund zu geben,

Für des Erstlings theures Leben.

Von nun an rascher und wärmer.

Ich war auswärts mit dem Heere.

Laura geht mit jener Gräfin

In die Bäder von Barège,

Und im stark besuchten Orte

Nehmen beide eine Wohnung.

Dieser Deutschen Kind, ein Knabe

Ungefähr in Otto's Alter,

Stirbt, als eben seine Mutter

Im Begriff ist abzureisen

In ihr fernes Vaterland.

Laura, vorzubeugen dem

Schauderhaften Unglück, das

Die Zigeunerin geweissagt,

Wenigstens es zu entfernen,

Tritt - soweit kann Aberglaube

Schwache Seelen irre führen -

Tritt  i h r  Kind der  F r e m d e n  ab,

Die für immer von ihr scheidet,

Und - (im fremden Ort war's leicht,

Die Vertauschung zu verbergen)

Mir - mir lügt sie Otto's Tod

Bis zum Rand des eignen Grabes!

Jerta.

E u c h, Herr Ritter?

Valeros

sich besinnend.

Ah! - sehet,

Wie Valeros hat gelernt,

Von der Wahrheit abzubrechen.

Mit einem Seufzer schmerzlicher Erinnerung.

Laura war  m e i n  W e i b!

Hugo,

der mit höchster Spannung zugehört hat, fährt in sich zusammen.

Ha! Er wendet sich ab.

Elvire.

Wie?

Donna Laura, Karlos Mutter,

Diese engelgleiche Seele,

Konnte das?

Valeros

wie vorhin.

Ja!

Elvire.

Darum also

Drang sie darauf, daß unser Knabe

Otto heiße? - Einen E n k e l

Dieses Namens wollte sie

Für den  S o h n, der so geheißen?

Valeros.

Möglich; schwärmerischen Seelen

Ist ein  N a m' oft viel. Wer weiß?

Daß ihr nun ein Otto ward,

Gab vielleicht ihr neue Stärke,

Bis zum Tod mir zu verhelen,

Daß sie eines andern sich

Unnatürlich einst entäußert,

Und - um nie von ihm zu hören,

Nie die Schwenkung zu bereuen -

Seiner neuen Mutter Briefe

Ungelesen stets verbrannt,

Bis sie keinen mehr erhielt.

So kam ich um einen Sohn,

Und mein Karl um einen Bruder!

Hugo

sehr unruhig.

Haltet ein! Erzählt nicht weiter!

Jerta.

Graf, was ist euch?

Elvire

zu ihm eilend.

Hugo! was - ?

Hugo.

Forsche nicht! du stehst am Rand

Einer fürchterlichen Tiefe.

Valeros.

F ü r c h t e t  i h r,  m e i n  S o h n  z u  s e y n?

Hugo

die Unruhe bekämpfend.

Nein, fürwahr! 's ist ja nicht möglich! -

Jene Dame, die den Knaben

Mitgenommen,  k a n n t e t  ihr?

Valeros.

Allerdings.

Hugo.

Und habt sie nun

Aufgesucht in Deutschland?

Valeros.

Ja. -

Sie war todt, seit Jahren; doch -

Sonderbar genug - man wußte

Nichts im Haus von einem Knaben,

Nichts von ihrem Aufenthalt

In den spanischen Provinzen

Und den Pyrenäenbädern.

Auch ein Bildniß, das man mir

Als das ihrige gewiesen,

Hatte wenig Aehnlichkeit -

Hugo

vor sich hin starrend.

Wenn es wäre!

Valeros.

K a n n  es denn?

Jerta

lebhaft.

Ja, es kann: in Spanien führte,

Wie Graf Hugo wissen will,

Meine Mutter eines deutschen

Hauses Namen.

Valeros.

Hätte sie

Einer Freundin wohl den wahren

Jahrelang verhehlt?

Jerta.

Sie war

Protestantin, und verwandt

Einem protestant'schen Throne.

Valeros.

Ah, dann freilich war's gefährlich,

Als sie  d o r t  war, ihn zu nennen.

Jerta.

Nun? und ihre Briefe  l a s

Laura nicht, wie ihr versichert?

Valeros.

Nein.

Jerta

freudig rasch.

's ist möglich! Zu Hugo. Wißt ihr, Graf,

Wie sich  H a n n a  dort genannt?

Hugo

kämpfend.

Nein!

Jera.

Nicht?

Valeros.

H a n n a? Eurer Mutter

Vornam'?

Jerta.

Ja. Ob sie auch diesen

Dort geändert, weiß ich nicht.

Valeros

bewegt.

Gott! Wär's möglich?  A n n a  nannte

Meines Weibes Freundin sich!

Anna, Gräfin -

Hugo

in höchster Angst einfallend.

Nein, nein, nein!

Nennt den Namen nicht, nur jetzt -

Jetzt nicht! -

Alle sehen ihn erstaunt an.

Oh, es wär' entsetzlich!

Jerta.

Nichts kann hier der Nam' erklären,

Da Graf Hugo  d e n  nicht kennt,

Welchen Hanna angenommen. -

Euer  A u g e, Herr, entscheide!

Sie winkt Valeros vor eine Seitenthür, öffnet sie und deutet hinein.

Schaut in dieses Kabinet:

D a s  ist meiner Mutter Bild.

Valeros.

Gott im Himmel! Im hineineilen rufend. Gräfin  S a l m!

Jerta folgt ihm.

Hugo.

Oh! so decket mich ihr Hügel!

Berge, stürzet über mich!

Elvire.

Hugo! Was um Gotteswillen -?

Valeros,

mit Jerta schnell wieder heraus, entzückt.

Ja, sie ist es! - Oerindur!

Du bist Otto! Du bist mein Sohn!

Er will ihn umarmen, Hugo wehrt es mit vorgestrecktem Arm, das Gesicht abgewandt.

Jerta.

Faßt euch, Graf! Die Sach' ist klar.

Hugo

dumpf.

Klar! o ja! - die Höll' ist offen,

Und ihr falber Wiederschein

Leuchtet in die Nacht hinein,

Daß die Wege sichtbar werden,

Die der Teufel geht auf Erden.

Valeros.

Oerindur! Ich steh betroffen

Vor euch!

Elvire.

Mensch! Was  w e i ß t  du noch?

Hugo.

Oh! es  t ö d t e t  dich! - Und doch -

Solches Wissen zu bewahren,

Hat die Menschenbrust nicht Raum!

Jerta.

Sprecht! Ihr  m ü ß t  es offenbaren.

Hugo.

Durch Zigeunermund, und Traum,

Droht die Hölle mit Gefahren,

Wo sie weiß, daß man ihr glaubt,

Eure Sinne sind verwirrt,

Unvernünftiges geschiehet,

Und das Ungeheure wird

Wirklich, eben weil ihr's fliehet. -

Feierlich.

Mutter! Einen  T h e i l  der Schuld

Mußt du vor dem Richter tragen!

Elvire

ahnend.

Jesus!

Hugo.

Fleh zu seiner Huld!

Valeros

ebenfalls mit Ahndung

Otto!

Hugo.

C a i n! müßt ihr sagen;

Karlos fiel von meiner Hand.

Valeros wankt und fällt in einen Sessel. Jerta tritt entsetzt zurück.

Elvire,

wendet sich ab, die Hände gefaltet und verwendet vor der Stirn, schreit sie, an ihren Traum denkend.

Tiger!

Sie stürzt ohnmächtig nieder.

Jerta

eilt zu ihr

Gott! sie stirbt!

Hugo

langsam zu Valeros tretend, mitleidig.

Ihr sucht

Einen Sohn, den ihr verloren,

Eh' er euch noch hat gekannt?

Weh dem Auge, das ihn fand,

Und - nicht  w e i n e n  kann!

Valeros

richtet sich mit Anstrengung auf.

Verflucht

Sei der Tag, der dich geboren,

Und die Kräfte, die dich zeugten,

Und die Brüste, die dich säugten,

Ungeheuer! das der Nord

Auferzogen hat zum Mord,

Und gereift des Südens Gluth -

Er sinkt erschöpft wieder in den Sessel.

Jera

noch mit Elviren beschäftiget.

Oh! daß ich den Gräul enthüllte!

Hugo.

Das, und das allein, ist gut!

Seht, was ich - und ich nur, wußte,

Und mit Angst bewahren mußte,

Das die traurige Geschichte

Fremdes Glück nicht mit vernichte,

War ein  s c h l e i c h e n d  F e u e r, füllte

Meine immer Bange Brust,

Wie ein fest verschloßnes Haus,

Mit Gefahr und Unruh aus.

Fluth und Gluth war wechseln Meister,

Und des Lebens scheue Geister

Rangen zwischen Qual und Lust;

Und die Brust, wo Flammen wühlen,

Will in Lust und Qual sich kühlen,

Und der Herr, gleich seinen Rüden,

Sucht im Schweiß des Wildes Frieden. -

Nach einem freien Athemzuge.

Nun ist's gut! Die Flamme brach

Mit dem Worte, das ich sprach,

An das Tageslicht heraus. -

Nun ist's Friede! Ausgebrannt,

Aber ruhig, steht das Haus.

Elvire

hat in Jerta's Armen sich aufgerichtet.

Jerta! - Warum laßt ihr mich

Los nicht von des Lebens Band?

Vor sich hin starrend.

Karlos blutbefleckter Schatten

Zeigt die Wunde mit der Hand,

Und die Faust droht einem Gatten -

An Jerta's Halse sich verbergend.

Oh! -

Valeros.

Klar - alles! fürchterlich!

Dunkler Vorgefühle Drohn

War das Sehnen, und das Grauen,

Den von Angesicht zu schauen,

Der es that - -  E r   i s t  m e i n  S o h n!

Hugo.

Meinen  F e i n d  wähnt' ich zu tödten,

M e h r  hab' ich nicht zu vertreten.

Karlos, glühend, ein Verbrechen,

Das ich nicht beging, zu rächen,

Dachte gegen mich auf Mord.

Auf Elviren deutend.

Diese sandt' ein warnend Wort

Heimlich mir -

Elvire.

O Gott! Es war

M e i n e  A n g s t nur vor Gefahr!

Erste Wuth nur -

Hugo.

Nein, fürwahr!

Ihn zu  s ü h n e n, zog ich aus -

Spottend lud er mich, mit Schmaus

Seiner Hochzeit Jahresfeier

Nächtens bei ihm zu begehen! -

Kennt ihr Eifersucht? - Ihr Feuer

Trieb mich in den Wald hinaus!

Und am Baum sah ich ihn stehen

Neben dem beschäumten Roß,

Und dem Wild, das er  e r l e g t e,

Und das  z u c k e n d noch sich regte -

Und das tödtliche Geschoß

War in meiner Hand, sein Leben

In der Kugel Macht gegeben!

Einen Finger furft' ich rühren,

Um -  E l v i r e n  heimzuführen -

Mit metallloser Stimme.

Seht! - da blizt' es auf vom Schloß,

Und das Blei flog aus dem Rohr -

Und - ein  S c h r e i  schlug an mein Ohr -

Er hält erschöpft inne.

Jerta

mit Schauder und Mitleid ringend.

Oh! der Hölle Macht ist groß,

Und an  E i n e r  Fider Bebung

Hangt die Wonne wie der Graus!

Flehend.

Gattin! - Vater! - Sprecht Vergebung

Ueber den Gefallnen aus!

Elvire

erweicht, aber ohne Hugo anzusehen.

In der wahren Kirche Schooß

Wird der Sünder sündenlos -

Rein'ge dich an heil'ger Stelle!

Valeros

aufgerichtet von diesem Gedanken.

Ja, mein Sohn, zieh hin nach Rom,

Wirf dich auf des Altars Schwelle

Und empfang' in Petri Dom

A b l a ß  von geweihter Hand.

Jerta

ernst warnend, halblaut zu Hugo

Hugo, du bist Protestant!

Valeros

mit Schmerz von ihm weg.

Gott!

Jerta

fortfahrend.

Halt fest an deinem Glauben!

Schnöder Abfall könnte die

Deines  G o t t e s  Ablaß rauben.

Hugo.

Ich bin Christ, und Mensch! und  h i e r

Fühl ist's tief: Es wäscht ein  W o r t

Mich nicht rein vom Brudermord.

Mit trübem Ernst.

Aber - einen  a n d e r n  D o m

Weiß ich, einen stolzern Bau,

Als Sanct Petri Haus zu Rom.

Der steht allen Sündern offen,

Die auf Gottes Gnade hoffen,

Was auch immer sei ihr Glaube.

Hoch im Bogen, saphirblau,

Wölbt die Kuppel prächtig sich,

Und in ihrer weiten Haube

Seht ihr, wenn ihr kommt im Dunkeln,

B i l d e r  in Brillanten funkeln.

F ü n f  von ihnen schaun auf mich

Wie mein eignes Leben nieder:

Denn ein  S t i e r  ist's und  z w e i  B r ü d e r,

und ein  W e i b , der Schönheit Kron'

Und ein  S c h ü t z  und  S c o r p i o n.

In der Frühe Strahl erbleichen

Die bedeutungsvollen Zeichen,

Und ein  O p f e r a l t a r  baut

Auf sich in der weiten Halle,

Und die fromme Menge schaut

Bei der Grabeslieder Schalle

Nach dem Opfer wartend hin

Auf den Altar - -

Er hält einen Augenblick inne.

Kennt ihr ihn?

Thoren nennen ihn - Schaffot.

Alle erschrecken sichtbar, er endet nun rasch und fest.

Dort ist, oder nirgends, Heil -

Dort versühnt das Henkerbeil

Mich mit mir - vielleicht mit Gott!

Er geht rasch ab.

Elvire

eilt ihm nach.

Hugo!

Valeros

folgt ihr.

Otto!

Jerta

folgt langsamer.

Oerindur!

Valeros

schon unter der Thür.

Willst du meinen Namen schänden?

Ab.

Jerta

geht von der Thür langsam wieder vorwärts , mit Thränen im Auge.

Unglückseelger! - Wunder nur

Können deinen Unstern wenden!

Mit Entschluß.

Aber - so darfst du nicht enden.

Ab, während dem Fallen des Vorhangs.
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Ende des dritten Akts.