Theatertexte

Adolph Müllner

Zweiter Akt.

Hugo's Zimmer.

________

Erste Scene.

Hugo in reicher Hauskleidung auf einem Sofa ruhend.

Auf den Tischen tief herabgebrannte Kerzen. Nach einigen

Sekunden tritt  J e r t a  ein.

Jerta.

Wilder, schweißbefleckter Jäger,

Bist du endlich sichtbar wieder?

Hugo

ohne aufzustehen.

Sichtbar, rein von jedem Makel.

Jerta.

Und ermattet, wie es scheint.

Hugo.

Ja - Gottlob! - - Der Leib allein

Stört das Gleichgewicht der Seele,

Lehrt sie scheuen und begehren.

Zu  e r m a t t e n - darum jag' ich;

Bin ich  m ü d ', so hab' ich  R u h e.

Jerta

auf das Herz deutend.

H i e r? Die hattest du sonst immer.

Hugo.

Sonst! - ja - sonst -

Er verliert sich in Gedanken, und sagt nach geraumer Pause, als ob er Jerta's Gegenwart vergessen hätte:

Wer  d a s  erfände!

Jerta.

W a s  erfände?

Hugo.

Nichts! - - Die Kunst,

Wie man  g e s t e r n  macht zu  h e u t,

S o n s t  zu  j e t z t, und jetzt - zu nichts.

N i c h t s ! - -

Nach merklicher Pause.

Wo ist Elvire? Kommt

Sie nicht auch?

Jerta.

Sie ist - sie  w a r,

Will ich sagen -

Hugo

einfallend.

Willst du? Sieh,

W a r  und  i s t  - da hast du's wieder!

Sonst und jetzt, und heut und gestern.

S o n s t  war's  a n d e r s. Froh entgegen

Flog sie mir, trat ich in's Haus;

Jetzt - ?

Jerta.

Groß Unrecht thust du ihr.

Sie hat fürchterliche Angst

Ausgestanden deinetwillen,

Als du ausbliebst in die Nacht.

Hugo.

Warum säumt sie? Ich bin heim,

Bangt ihr  n o c h ?

Jerta.

Nein; doch erschüttert,

Tief erschüttert hat die Mähr,

Die uns Holm sogleich erzählte,

Ihre weich geschaffne Seele.

Hugo

in Gedanken.

Welche Mähr?

Jerta.

Wie dich der Eber

Angegriffen, und du ihn

Hast bezwungen und getödtet,

Simson gleich, der mit den  H ä n d e n

Einen Löwen hat zerrissen.

Hugo

ist aufgestanden.

's ist ein Narr, der Holm - ein Schwätzer!

Es war nichts. Mein Ungeschick

Zwang mich, etwas unsanft ihm

Hinzuhelfen. 's thut mir leid,

Hatt' auch gänzlich nicht Gefahr;

Aber - für Elviren war

Die Geschichte nicht.

Jerta.

So scheint's!

Einer Leiche gleich, die mit

Offnen Augen ist gestorben,

Sah sie drein, als Holm geendet;

Hielt sich auf den Füßen kaum,

Nannte dich -  e i n   r e i ß e n d  T h i e r!  -

Einen fürchterlichen Traum,

In der Brautnacht ihr gesendet,

Fing sie an, mir zu erzählen -

Hugo wendet sich zum Abgehen.

Du gehst fort?

Hugo.

Ich will zu ihr.

Wenn ihr Herz sich von mir wendet,

Muß ich's wieder mir vermählen;

Nur den  F e r n e n  kann sie hassen.

Jerta.

Laß ihr Zeit noch, sich zu fassen,

Lieber, und vertraue mir,

Deiner Jerta, die dich liebet,

Was den Frieden Hugo's trübet?

Wechselseit'ge Glut begegnet

Sich in eurem trunknen Blick;

Ihr besitzet euch, das Band

Ist von Priesterhand gesegnet -

Hugo

halb vor sich.

Nicht vor Gott!

Jerta.

Der Herzen Bund

Wird ja  k i n d e r l o s  nicht bleiben!

Was, ich bitte dich, was kann

So euch hin und wieder treiben,

Wie zwei Schiffe eines Herrn,

Die der Sturm im offnen Meere

Trennt, und an einander schleudert?

Hugo.

Weiß ich's selbst? - - Mich dünket: Nie

Sollen  N o r d  und  S ü d  sich küssen.

P o l e  sind es  E i n e s  Stabes,

Ihre Axe trennet sie.

Hat die dunkle Macht des Triebes,

Stark, den Stab zum Ring gebogen,

Und den Pol zum Pol gezogen,

Müssen sie sich mächtig fassen.

Aber immer will der Ring,

Wie gespannten Bogens Stahl,

Wieder auf zum Stabe schnellen,

Und was Eins ist, will sich lassen.

Jerta.

Räthselhaftes aufzuhellen,

Zu erklären solchen Streit,

Will ein  G l e i c h n i ß  nicht genügen.

Hugo.

Mehr vermag ich nicht zu geben.

Selbst ein Räthsel - schwer zu lösen -

Bin ich mir: denn Pol und Pol

Einen sich in meinem Wesen.

H i e r  erzogen, dort geboren,

Bin ich hier und dort nicht heim.

Fremde Wurzel diesem Boden,

Fremder Wipfel jener Luft:

Tief am Stamm vom Nord erkältet,

Hoch im Land vom Süd entflammt,

Ein' ich in mir Gluth und Fluth -

Erd' und Himmel - Gepreßt. Gott und Teufel.

Jerta.

Wunderlich verworr'ne Träume!

Sahst du gleich das Licht der Welt

Unter Spaniens heißer Sonne,

Waren unsre Aeltern doch

Beid' aus Nordlands Heldenstämmen.

Hugo

übereilt.

D e i n e,  ja; doch meine nicht.

Jerta

verwundert.

Wie?

Hugo

stutzt, als er bemerkt, daß er gesagt, was er nicht wollte, dann ruhig.

Es ist kein Grund vorhanden,

Daß ich länger dir verschweige,

Was dein Vater mir enthüllte,

Als er, in der Schlacht verwundet,

Hinter'm sieggekrönten Heere,

Nach drei hoffnungsvollen Tagen

Sanft verschied in meinen Armen.

Jerta.

Ah! Was werd' ich hören müssen?

Hugo.

Daß ich  n i c h t   d e i n   B r u d e r  b i n.

Jerta

sinkt mit verhülltem Gesicht in einen Sessel.

Oh! ich Aermste! -

Plötzlich springt sie wieder auf.

Gott! - warum -?

Hugo.

Was ergreift dich?

Jerta

mit Mühe gefaßt.

Nichts. - Erzähle!

Hugo.

Edwin, Graf von Oerindur,

Dein erlauchten Vater, war

Seines Stammes letzter Sprosse.

All' sein Gut war lehenbar,

ward' verdient mit Lanz' und Rosse,

Und die zögende Natur

Schien den Erben zu versagen,

Fähig, Land zu Lehen zu tragen.

Endlich beut sich Hoffnung dar;

Doch der zarten Gräfin Schwäche

Läßt besorgen, daß die Frucht

Das erkrankte Bäumchen breche.

Aerzte, früh um Hülf' ersucht,

Weisen sie mit Mund und Feder

In die Pyrenäenbäder,

In die Luft der Warmen Zone.

Eine Dame, fern verwandt

Einem ketzerischen Throne,

(So wird unsrer dort genannt)

Konnte sich in jenen Tagen

In ein anders glaubend Land

Nicht mit ihrem Namen wagen.

Ein katholisch-deutsches Haus

Half ihr gern mit seinem aus.

Darum ward der deutsche Name,

H u g o, auch dem Sohn gegeben,

Dessen sie genaß im Süden.

Das mit Müh geborgne Leben

Wie der Knaben, so der Dame,

Ließ die Heimkehr lang nicht zu.

Edwin, für des Reiches Ruh

Kämpfend, gab ihm  s p ä t  den Frieden

Mit dem stolzen Feind im Osten,

Und so ging's in's dritte Jahr,

Eh' es ihm beschieden war,

Einer Freude Kelch zu kosten.

H a n n a, deine Mutter, glühte,

Ihm das Kind, das freundlich blühte,

In den Vaterarm zu legen:

Anders stand's in Gottes Buch,

Und sie mußte seinen Segen

Legen in ein Leichentuch.

Jerta

tief gerührt.

Arme,  a r m e  Mutter!

Hugo.

Eine

Reich're nahm sich ihrer an.

Daß nur sie, nicht Edwin weine,

Ward ein seltnes Werk gethan.

Eine Freundin, dort erworben,

Von kaiserlichem Geschlecht,

(Ihren Namen nie zu nennen,

Hatte Hanna ihr geschworen)

Gab  i h r  Kind, von gleichem Alter,

Der Verzweifelten zu eigen.

Jerta.

Ist das möglich? Eine  M u t t e r?

Hugo

finster.

M e i n e  Mutter hat's gethan.

I c h  bin der verschenkte Knabe

Aus kastilischem Geschlechte,

Das ich nicht zu nennen weiß.

Jerta.

Das ich nimmer kennen möchte,

Weil es solche Mutter hatte.

Hugo.

Lang getäuscht ward Hanna's Gatte,

Und ich galt ihm für den Sohn,

Bis ihm Jerta ward geboren.

Da verrieth sich Hanna. Er

Wollte, daß der Name mir

Bliebe, den sie mir gegeben;

Doch zu stolz, zu hintergehen,

Zeigt er, als sie  h e i m g e g a n g e n,

Es dem Lehnherren an. Die Antwort

War ein königlich Diplom,

Eigenhändig und geheim

Ausgefertigt, dieses Inhalts:

"Das Geschlecht der Oerindur,

"unsres Thrones feste Säule,

"Soll bestehn, ob die Natur

"Auch damit zu Ende eile.

"Wem der  L e t z t e  diesen Brief

"Uebergab, als er entschlief,

"Sonder Ansehn Mann's noch Weibes,

"Ist beliehn auf ew'ge Zeiten

"Mit des Stammes Land und Leuten,

"Samt den Erben seines Leibes."

Mit  d e r  S c h r i f t, die, nah am Grab,

Mir Graf Edwin übergab,

Tauscht' er mir die Ruhe ab.

Weg von hier, wo niemand mir verwandt,

Zog das Band

Der allmächtigen Natur

Mich zum Land

Goldner Flur,

Das in dunklen, früh empfangnen Bildern,

Winkend durch den Nebeltag,

Vor mir lag,

Wie die Vorwelt auf der Ahnen Schildern.

Um den Aeltern nachzuspüren,

Zog ich hin, und fand  E l v i r en,

Die es spät erst mir gelang,

Nach dem Norden heimzuführen,

Und die nun derselbe Drang

Wieder abwärts treibt nach Süden.

Jerta

in rührendem Schmerz.

Oh, leb' wohl, mein goldner Frieden!

Hugo.

Jerta! Was bewegt dich so?

Jerta.

Namenloser! Kannst du fragen?

Denk' an unsre Kinderzeit,

Und wie wir herangewachsen,

Nachbarblüthen eines Stieles!

Alle Ranken meine Herzens

Schlangen sich an deines an.

H e i l i g  hatt' ein schöner Wahn

Meine Zärtlichkeit gesprochen. -

In sanftes Weinen übergehend.

Nun sein Siegel ist gebrochen,

Bricht mein Herz dem Siegel nach!

Hugo.

Jerta! Mädchen! - Fasse dich,

Und vergiß, was Hugo sprach!

Lieb ihn ferner! Brüderlich

Wird er ewig an dir hangen.

Jerta

nach langsamer, verneinender Kopfbewegung.

Nein, das Traumbild ist zergangen,

Und entfesselt die Natur.

Nie mehr darf ich dich umfangen,

Denn du bist kein Oerindur.

Zwischen  L i e b e n  und  V e r l a n g e n

Ist die Scheidewand gefallen! -

Fliehn aus meiner Väter Hallen,

Wo dein Schweigen mich getäuschet,

Muß ich, wenn dein Weib es heischet.

______


Zweite Scene.

Hugo

allein, nachdem er ihr lang nachgesehen.

Ja! Sie ist ein Engel! - So

Stand sie vormals mir zur Seite,

Daß sie mich zum Himmel leite.

Da ich von ihr bin geschieden,

War's geschehn um meinen Frieden;

Hugo wird nicht wieder froh!

Er versinkt in Gedanken.

______


Dritte Scene.

H u g o.  O t t o.

Otto.

Nun,  H e r r  H u g o, bist du heim?

Hugo

scherzend.

Ja,  D o n  O t t o! Wie du siehst.

Otto.

Spottest du des deutschen Namen,

Den der span'sche Knabe führt?

Du hast recht. Auch mir gefällt

Er nicht sonderlich. Ich möchte

K a r l o s, wie mein Vater heißen!

S e i n e  M u t t e r. sagt Elvire,

Wollte, daß ich Otto hieße.

O t t o? - Nun, 's ist nicht zu ändern:

H u g o  lautet übler noch.

Aber Eines könntest du

Mir zum Troste wohl erlauben.

Hugo.

Wenn dir's gut ist, gern. Was ist's

Otto.

Laß mich wieder Kleider tragen,

Wie man sie am Ebro trägt.

Hugo.

Nein, mein Kind, das ist gefährlich,

Hier ist's kalt; auch würde man

Nur des fremden Putzes lachen.

Otto.

Nicht doch! Sieh den  F r e m d e n nur -

Hugo.

Welchen Fremden?

Otto.

Der gekommen

Kurz vor dir, durch Frost und Wetter.

Hat man dir's noch nicht erzählt?

Hugo.

Nein

Otto.

Nun, siehst du, niemand lachet

Ueber diesen alten Mann,

Und doch trägt er seines Landes

Leichte Tracht auch hier. - Er ähnelt

Meinem Vater d'rinn -

Hugo.

Er ist

Spanier?

Otto.

Ei, ja wohl!

Hugo

dringend.

Wie heißt er?

Otto.

Ihn zu fragen, hat die Mutter

Streng verboten; ungefragt

Aber hat er mir gesagt

Daß er sei aus unsrem Land,

Und der Mutter anverwandt.

Alles kennt er in Tortosa,

Und beschrieben hat er mir

Meine Tante, Donna Rosa,

Wie sie leibt und lebt, und - Lächelnd. schmält.

Sicher wird er dir gefallen.

Hugo

vor sich.

Schwerlich - hm! Warum just heut?

Dieser Tag ist nicht der beste,

Einen Spanier zu empfangen.

Otto.

Er ist gut und trägt Verlangen,

Dich zu sehen Er soll kommen?

Hugo.

Nein, noch nicht! Bis ich vernommen

Von Elviren -

______


Vierte Scene.

E l v i r e. Die  V o r i g e n.

Elvire

tritt im heftigsten Affekt ein, sie kann kaum sprechen.

Hugo! -

Sie tritt nah an ihn und sagt mit gellendem Tone

Jerta!

Hugo.

Was soll dieser Blick bedeuten,

Und der schneidend laute Ton?

Elvire.

Ha, Verräther! - Bleichst du nicht,

Wenn ich Jerta's Namen nenne?

Hugo.

Du bist sinnlos!

Elvire.

Daß ich's wäre!

Oh, Elvire! - So betrogen -

So zerrissen dieses Herz!

Otto.

Sag', Herr Graf, was hat die Mutter?

Hugo.

D u  vermagst es nicht zu fassen.

Schlangen, von der Furie Scheitel,

Winden sich um ihre Brust;

Laß uns, bis sie ist genesen.

Otto geht ab.

Elvire

aufstehend aus dem Sessel, in den sie sich geworfen hat.

D a r u m  mußtest du zurück

Nach dem frosterstarrten Norden,

Weil du eine Blume wußtest,

Dir erblühend unter'm Schnee?

D a r u m  ward ich weggelockt

Von dem heimathlichen Herde

Von der Gottgeweihten Erde,

Wo die  J u n g f r a u  man verehrt,

Daß du hier die Jungfrau  l i e b e n,

Und die Gattin  o p f e r n  könntest?

D a r u m  nannte diese Schwester

Heute sich mit frecher Stimme

Meine Nebenbuhlerin -

Hugo

stark.

Halt! - Geuß aus dein Gift, daß es

Seine Schale nicht zerfresse!

Doch auf mich nur, nicht auf diese

Reine Seraphseele.

Elvire.

Rein?

Oh, verteid'ge sie, ich flehe!

Sie und dich verteidige!

Oder - kannst du's nicht, gestehe!

Nur G e w i ß h e i t  gieb mir, daß ich

Lebe, oder untergehe!

Hugo.

Soll ich Heiliges vertreten

Gegen schmählichen Verdacht?

Wie die Engel Menschen lieben,

Ist ihr Herz mir zugewandt;

Und wie du zur Jungfrau betest,

Schaut mein Aug' empor zu ihr,

Elvire.

Nein, ihr  s o l l t  nicht! Ich allein,

I ch will dich besitzen! -  M e i n,

Keines Engels sollst du seyn!

G o t t e s   s e l b s t  n i c h t!

Hugo.

Rasende!

Lästre! Lästre seine Donner

Nieder nur auf unser Haupt!

Wie du sagst; so, fürcht' ich, ist es:

Als ich dich begann zu lieben,

Hab' der Höll' ich mich verschrieben.

Elvire.

Oh, mein Kopf brennt fieberlich! -

Nach einer Pause.

Als sie heute dich beschrieb,

Wie du, stolz gleich Nordens Tannen,

Eine Zierde seiner Mannen,

Aufgewachsen neben ihr;

Wie sie mir den Krieger malte,

Mächtig, einen Thron zu bauen,

Und den Sieger, zarter Frauen

Heiß ersehnt in stiller Brust -

Warum strahlte

Da von Lust

Ihr Gesicht?

Warum hehlte

Sie der Freundin

Mondelang,

Daß das Band des Blutes fehlte?

Hugo.

Ungerechte! Weil ich es

Heute,  j e t z t  erst ihr erzählte.

Elvire

zweifelnd.

Wie? Sie wußte nicht? - Und du?

Hugo.

Nicht zu stören ihre Ruh,

Barg ich es der Aelternlosen,

Daß sie keinen Bruder habe.

Als ich's ausgesprochen,  w e i n t e

Sie um das zerriss'ne Band,

Das uns seelig sonst vereinte.

Zwischen uns die Scheidewand,

Die gesunkne, neu zu bauen,

Ging sie, dir sich zu vertrauen.

Elvire.

Wenn du wahr sprächst! - Sieh, ich ließ

Sie nicht enden; wüthend stieß

Ich sie weg von meiner Brust.

Wenn sie`s wirklich nicht gewußt - !

Hugo.

Hätte sie's bis jetzt  v e r s c h w i e g e n,

Warum  s a g t e  sie es  j e t z t?

Elvire

mit Rückkehr.

Hugo!

Hugo.

Folge deinem Blut,

Das, gekocht am Strahl in Süden,

Nur im Morde findet Frieden,

Wenn es Eifersucht bewegt.

Mich' ihr  G i f t! Ich weiß, du hast

Stets davon nach eurer Sitte.

Mich durchstoß in der Umarmung,

Mit dem Stahle, den du trägst,

Und, wahrhaft mich zu besitzen, Saug' das Blut mir aus der Brust,

Daß es, wie die Milch der Mutter,

Dich durchdring' im tiefsten Leben!

Elvire

zagend.

Hugo! - Kannst du mir vergeben?

Hugo.

Ich  b e k l a g e  dich und mich.

Elvire.

Kann es Jerta?

Hugo.

Sicherlich!

S i e, sich keiner Schuld bewußt,

Darf die Stirne frei erheben,

Und verachten den Verdacht.

Wir - nun ja wir haben Macht,

Unsrer Treue nicht zu trauen,

Wenn wir - halb vor sich. wenn wir rückwärts schauen.

Elvire

erschüttert.

Hugo! - Woran mahnst du mich!

K a r l o s  G a t t i n liebte dich;

D a r u m  quält die Eifersucht

Furienartig nun die  d e i n e.

Hugo

dumpf.

Heut! - ja, ja! - Heut ist verflucht

Elvire

ängstlich.

Heut? - Was meinst du?

Hugo.

Was ich meine?

Ist's der Tag nicht, wo er sich

Hat erschossen - ?

Elvire

sich verhüllend.

Oh! Allmächt'ger!

Die Kerzen sind nach und nach verloschen, und das Theater wird düster.

Hugo.

Weißt du noch? In der Kapelle -

Wie wir da uns heimlich sprachen

Auf den Särgen deiner Väter?

Und - wie am Begräbnistage,

Innen  L u s t  und außen  K l a g e,

Wir -

Elvire.

Halt ein, du tödtest mich!

Hugo

nach geraumer Pause, dumpf, am Ende mit Geisterfurcht.

Wenn er käme - k ä m' in dieser

Bösen Stunde, wo die Liebe -

Ausgebrannt, wie diese Kerzen,

Aufgezehrt vom Sinnentriebe -

Nicht mehr leuchtet in den Herzen!

Wenn er stieg aus deiner Ahnen

Gruft uns daran jetzt zu mahnen -

J e t z t  - -

Elvire

schaudernd.

Entsetzlich!

Kurze Stille. Es wird geklopft, Hugo und Elvire fahren tief erschreckt zusammen.

Beide.

Ha!

______


Fünfte Scene.

Die  V o r i g e n.  V a l e r o s  tritt ein,  O t t o  an der Hand, welcher ein Licht hält.

Hugo,

der furchtsam sich nach der Thür wendet, und einige Schritte dahin gethan, prallt entsetzt zurück.

Sein Geist!

Valeros

bleibt bestürzt stehn.

Wie? - Zu Otto. Du irrst im Zimmer, Kleiner,

Ist das - ?

Elvire

ihn in's Auge fassend.

Don Valeros!

Hugo.

Wer?

Elvire.

Karlos Vater!

Valeros.

Ihr erkennt mich?

Elvire.

Ja, ihr seid's! Verzeiht - Ihr findet -

Valeros.

Mir verzeiht, und dem Knaben,

Der nicht mehr zu halten war,

Als ich einmal mich entdeckt.

Wenn ich, ungemeldet kommend,

Wie ein Geist euch hab' erschreckt;

Biet ich euch die Hand, zum Bürgen,

Daß ich lebe.

Elvire küßt seine Hand mit Innigkeit. Er umarmt sie gerührt.

Tochter! zu Hugo. Ihr

Seht mich heut zum ersten Male.

Daß mir's zukommt, eure Dame

"Tochter" zu begrüßen, mag

Sie, und  d i e s e r  B r i e f  bewähren,

Des Gesandten Hand und Siegel.

Hugo,

der den Brief nahm, ohne das Auge von Valeros Gesicht wegzuwenden.

O, fürwahr, ihr braucht der Zeugen

Nicht - die  A e h n l i c h k e i t  mit  K a r l o s -

Valeros

weich.

Sie ist alles -  a l l e s, was

Mir geblieben ist vom Sohne!

Nach einer Pause.

Ihr, Herr Graf, ihr seid der Erbe

Seiner beiden schönsten Güter:

Seiner Wietwe Gatte, seines

Sohnes Vater! Beider Liebe

Ist eu'r Eigenthum geworden.

Ich - hab' niemand. - - Mögt ihr's tadeln,

Daß der Arme mit dem Reichen

Solches Erbe kommt zu  t h e i l e n?

Hugo

giebt ihm die Hand.

Seid willkommen, Ritter!

Elvire.

Euch

konnten wir uns nicht vermuthen.

Hugo.

Wenn mir recht ist, war't ihr ja

In Westindien Gouverneur?

Valeros.

Vor neun Jahren zog ich hin,

Mir das goldne Vließ zu holen,

Das den Spanier ewig lockt.

Ich errang's; doch minder glücklich,

Als der Argonauten Führer,

Der ein Weib fand über Meer,

Hab' ich  m e i n e s  dort  b e g r a b e n.

Glücklich einen Sohn zu haben,

Der, geehrt im Mutterland,

Trost und Ruh mir konnte geben,

Ward die Bitte fortgesandt,

Mich des Amtes zu überheben,

Die Gewährung kam; dabei

Lag die Nachricht, Karlos sei -

Sehr weich.

Eingegangen in das Leben.

Nach einer Pause der Erholung.

Günstig linde Lüfte dehnten

Weit des Schiffes Flügel aus,

Und das leicht bewegte Haus

Trug die Pilger, die sich sehnten

Nach der Heimath, fröhlich fort.

"Land!" erscholl's; an straffen Tauen

Klimmten sie empor vom Bord,

Spaniens Küste zu beschauen,

Die im sonnenhellen Tag

Auf der See, wie Nebel lag. -

Wehmuth nicht; ein seltsam Grauen

Faßte mich, als ich den blauen

Nebel sich gestalten sah.

Bilder, dunkel und doch nah,

Hingen drohend um mich her.

Bang und schwer

Trat ich auf der Heimath Boden.

W e i n e n  wollt' ich um den Todten;

Aber keine Thräne rollte,

Und, wie vor mir selbst entsetzt,

Stand ich vor Tortosa's Thoren.

Nicht, als hätt' ich ihn  v e r l o r e n -

Nein, mir war, als ob ich jetzt,

J e t z t  erst ihn  v e r l i e r e n  sollte.

Hugo wankt und hält sich an einem Stuhl.

Fehlt euch etwas, Graf? Ihr seid

Blaß!

Hugo

sich erholend.

Ein Schwindel. - Uebelkeit

Von der Anstrengung der Jagd.

Elvire

besorgt.

Lieber Hugo!

Hugo.

Wie gesagt,

Nichts. - Nichts, was euch dürfte stören.

Sprecht nur fort, und laßt mich hören!

's ist vorüber.

Valeros.

Nein, fürwahr!

Wenn ihr  k r a n k  s e i d, möcht' ich euch,

Was zurück ist, nicht erzählen.

Elvire.

Soll uns dunkles Ahnden quälen?

Redet!

Valeros

zu ihr tretend.

Saht ihr Karlos Leich'

Auf der Bahre?

Elvire.

Nein; ich war

Außer Stand -

Valeros.

Im Sarge?

Elvire.

Nein.

Otto.

Ich - ich habe sie gesehn!

Schwarz behangen war der Saal,

Aber hell vom Kerzenschein,

Und im  B e t t e,  l a n g  u n d  s c h m a l,

Lag der Vater, bleich, doch schön

Wie ein weißes Marmorbild -

Sichtbar nur bis an die Brust,

Die der Sammetmantel deckte

Mit dem Calatravasterne. -

Mit Thränen in den Augen.

Viele, aus der Näh und Ferne,

Kamen, weinten sehr und küßten

Ihm des Mantels goldnen Saum:

Denn den Sammet aufzuheben,

Und die Hände zu berühren,

War verboten, weil man ihn

Köstlich balsamiert hatte.

Valerios.

Oh! hätt' ich ihn nie gesehen

In dem lang verschloss'nen Sarg,

Der das grausende verbarg!

I s t  es - ist es  n i c h t  geschehen - ?

Einerlei! Für mich ist's da,

Was mein inn'res Auge sah,

Als der Deckel war gehoben,

Und der Mantel weggezogen!

Elvire

geängstigt

Was? - ich bitt' euch Vater, was?

Valeros

seine Kraft zusammen nehmend zu der Schilderung.

Eine Hand auf seiner Wunde,

Und den rechten Arm gespannt,

Niederwärts, die Faust geballt,

Und der Augen hohe Bogen

Wie im Zorn herabgezogen,

Schien der stumme Mund zu sagen:

"Räche mich! ich bin -  e r s c h l a g e n!"

Elvire.

Jesus Christus! - Wenn das wäre!

Hugo

bleich, mit wankenden Knieen, am Stuhl sich haltend, und mit starren Blicken.

Ja, das wär' entsetzlich!

Otto

zu Valeros.

Höre,

Schweig davon! Herr Hugo ist

Krank jetzt -

Hugo

mit Anstrengung rasch.

Schweig du selbst! du bist

Kindisch! - Weiter, weiter nur!

Eure Ahndung - keine Spur - ?

Valeros.

Wie er da im Sarge lag,

Fand man ihn im Walde. - S o,

(Das bezeugten seine Diener,

Die mich in die Gruft geleitet)

S o  die Hand, den Arm, die Miene -

Nirgends weiter eine Wunde,

Als der Kugel Weg durch's Herz!

Und die Hand wie angewachsen

Auf der Wunde, und die Faust

Nicht zu öffnen, und der Arm

Nicht zu beugen an der Leiche!

Vor mir, in mir ging es auf,

Wie ein  N o r d l i c h t, das den Wald

Blutigroth und matt beleuchtet.

Nicht  ein  A r g w o h n  war's; ein S c h a u e n

Und ein  D r ä n g e n  nach der Gegend,

Die des Nordlichts Graus gebiert.

So durch Frankreich zog's mit mir,

Und durch Deutschland, über'n Belt,

Bis zu euren Eisgebirgen.

Rachsucht nicht - nicht die Begrier

Seinen Mörder zu erwürgen,

Ist es, was mich durch die Welt

Drängt und zieht. - Ich such' ihn nicht,

Nein, es  g r a u t  mir, ihn zu finden,

Und doch lechzt mein Geist nach Licht.

Wie das Aug' der  h a l b  nur  B l i n d e n.

Zweifelnd, ob ich vor ihm fliehe,

Oder ihm entgegen ziehe,

Steht sein nie geseh'nes Bild

Wechelnd vor mir, mild und wild,

Und - Zu Hugo tretend. erklärt mir Oerindur,

Diesen Zwiespalt der Natur!

Bald möcht' ich in Blut sein Leben

Schwinden sehn, bald fast weich. ihm vergeben.

Hugo

kaum noch der Sprache mächtig

Mir wird schlimmer - ich -

Er wankt nach der Thür.

Valeros

zu Otto.

Mein Kind

Nimm ein Licht, ihn zu geleiten.

Es geschieht, Elvire, starr vor sich hin sehend, scheint nichts zu bemerken. Hugo geht nah an die Thür, als Otto mit dem Licht neben ihm ist, stürzt er ohnmächtig zu Boden.

Otto

schreiend.

Ah!

Valeros.

Mein Gott!

Elvire

erwachend aus der Erstarrung.

Was ist? -

Otto.

Der Graf!

Elvire

zu ihm stürzend.

Jesus!

Otto

nach der Thür rufend.

Hülfe! Hülfe! Hülfe!
_____


Ende des zweiten Akts.