Theatertexte
Adolph Müllner
Vierter Akt.
Der Saal des ersten Akts völlig so, wie er verlassen worden ist, mit der Harfe und der Schlaguhr, welche auf Eilf zeigt.
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Erste Scene.
J e r t a schreibt. K o l b e r t steht wartend im Saal. Kerzen brennen. Es herrscht tiefe Stille, und man hört die Wanduhr Eilf schlagen.
Jerta
ohne sich zu unterbrechen.
Ist der Graf zur Ruh?
Kolbert.
Noch nicht;
Doch verließ der Gnäd'ge Herr
Auch sein Zimmer noch nicht wieder.
Jerta.
Ihr war't bei ihm?
Kolbert.
Ja.
Jerta.
Er hat
Nicht mit Euch gesprochen?
Kolbert.
Nein;
Mit sich selbst scheint er zu reden,
Oder - wenn ich's sagen darf -
Mit dem B i l d, das vor ihm steht,
Und das ich noch nie gesehen.
Jerta
scheinbar gleichgültig.
Kümmert euch nicht um den Inhalt
Seiner Selbstgespräche; er
Ist nicht wohl.
Kolbert.
So muß ich glauben.
Jerta.
Seine Ohnmacht von vorhin
Hat ihn heftig angegriffen;
Dazu kommt -
Sie sieht Kolbert an.
Ihr waret stets
Unsres Hauses treuer Diener,
Euch mag ich's wohl sagen: Er
Hält sich für die Ursach eines
Unfalls, der den Freund getötet,
Dessen Bild ihr habt gesehen.
Kolbert.
lebhafter als vorhin.
So etwas war ich vermuthend,
Denn -
Jerta
unterbricht ihn eben so.
S o müßt ihr alles deuten,
Was ihr etwas hört und seht. -
Domestiken, die den Schlüssel
Nicht zu seinem Zustand haben,
Taugen, bis er ruhig ist,
Nicht um ihn. - Versteht ihr mich?
Kolbert.
Niemand naht ihm, außer mir.
Jerta
den Brief faltend.
Recht! Und nun besorgt, daß gleich
Angespannt ein Schlitten werde.
Kolbert.
Wohl.
Jerta.
Den Secretär bedeutet,
Daß auf meinem Zimmer er
Seinen Auftrag wird empfangen.
Ich erwart' ihn, ausgerüstet,
Auf der Stelle abzureisen
Nach der Hauptstadt. Sagt ihm das!
Kolbert geht ab.
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Zweite Scene.
J e r t a allein, sie hat die Adresse geendigt, und betrachtet den Brief.
Ihn den Mächten zu entringen,
Die aus Unheil Unheil schmieden,
Laß der Schwachen es gelingen!
Laß, Allmächtiger, hienieden
Jerta Hugo's Engel seyn!
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Dritte Scene.
J e r t a. E l v i r e im Schleier, mit Rosenkranz und Crucifix.
Jerta.
Wie? So spät in dieser Tracht?
War't ihr bei der kalten Nacht
In der fernen Schloßkapelle?
Elvire.
Auf des Kreuzes Fußgestelle
Lag ich lang' - Umsonst! Hier ist
Nicht mein Glaube, nicht mein Christ,
Kein geweihtes Haupt, der Sünden
Die Gequälte zu entbinden!
Jerta.
Gott ist überall.
Elvire
in schwärmerischer Bewegung.
Du bist
Rein von ihm, wie frischer Schnee;
Deine Heimath ist die Höh',
und der Strahl von ihrem Lichte
Ruht auf deinem Angesichte!
Sie wirft sich vor ihr mit dem Ausdruck einer Betenden nieder.
Jungfrau, laß zu deinen Füßen
Die geheime Schuld mich büßen,
Höre mein Bekenntniß an!
Jerta.
Gräfin! Gott, ihr fallt in Wahn!
Stehet auf! Sie richtet sie auf. Des Gatten That
Ist die eure nicht.
Elvire.
Sie ist's!
Oh, sie ist's, weil ich sie wußte!
Jerta
mit Bestürzung.
Wie?
Elvire.
Weil ich sie wissen mu ß t e
Nach der schrecklichen Vollendung.
Sinnenwahn band meinen Sinn;
In freiwilliger Verblendung
Gab ich mich dem Mörder hin,
Und die Ahnung, die nicht Raum
Fand im sündlichen Gemüthe,
Fiel mich an im blut'gen Traum.
Jerta.
Ihr seid sinnreich, euch zu quälen.
So nicht richtet Gottes Huld,
Wie ihr selber euch verdammt.
Elvire.
I c h hab' ihn zum Mord entflammt,
M e i n ist mehr, als s e i n die Schuld.
Mit sich kämpfend.
Karl - war kränklich - Hugo hoffte - -
Ich - - -
Jerta blickt sie mit dem Stolz der Unschuld an, und will sie verlassen.
Du gehst? - Oh Jerta, bleib!
Laß das unglückseel'ge Weib
Der Verzweiflung nicht zum Raube.
Jerta.
Laßt mich, Gräfin, eh' ich euch
Der Verzweiflung würdig glaube.
Elvire.
Nein! So wahr das Himmelreich
Sich der Reue nicht verschließet,
Mitleid wirst du mir nicht weigern.
Karlos Vater - ich verklage
Ungern ihn - aber e r hat Schuld.
Ich bin fürstlichen Geblütes,
Aber früh ward ich verwaist;
Er, hoffärthigen Gemüthes,
Kastilianer, wie du weißt,
Warb für Karl; um Flügelkleide
Ward ich seines Sohnes Braut.
Drei Jahr drauf ward ich getraut.
KInder waren wir noch beide,
Kinder an Gemüth und Geist.
Ich ward Mutter - ohne Liebe -
Hugo kommt - der Schleier reißt
der mir barg, was ich entbehrte
Das Verbot der Pflicht vermehrte
Die Gewalt der süßen Triebe -
Oh, was hab ich nicht gerungen,
Und in brünstigem Gebet
Oft der Jungfrau Knie umschlungen!
Sie verwarf mich; denn zu spät
Floh ich zu ihr -
Sie faßt Jerta, die mit wachsender Theilnahme sich ihr genähert, bei der Hand.
Jerta, du
Hast ihn auch geliebt, du weißt,
Daß er mörderisch die Ruh
Aus des Weibes Busen reißt.
Jerta
mit Würde, die in Mitleid schmilzt.
D a s nicht weiß ich; doch ich fühle,
Unglückseel'ge, deinen Schmerz.
Wirst du's tragen, ihn zu m i s s e n?
Elvire
erschüttert.
Gott!
Jerta.
Du bist erschreckt?
Elvire
mit Selbstbeherrschung.
Das Herz
Weichet blutend dem Gewissen.
Seine That sprengt meine Ketten
Nie will ich ihn wiedersehn!
Jerta.
Wohl! So, hoff' ich, ihn zu retten.
Elvire
ängstlich.
Retten? - Gott, was ist geschehn?
Ist Gefahr?
Jerta.
Du fragst? Wie könnt' er
Leben, unversöhnt mit sich?
Elvire.
Oh, wie sühnt man solche That?
Jerta.
Thaten heben, wie sie stürzen.
Großes muß er unternehmen,
Sich am eignen, stolen Werke
Aufzurichten von dem Falle.
Elvire
gespannt.
Was?
Jerta.
Ein mächt'ger Feind besitzt,
Von der Ostsee Fluth beschützt,
Seines Lehnherrn ferne Staaten;
Eine Flotte liegt im Hafen,
Und der König sucht ein Schwert,
Stark, ein Räubervolk zu strafen,
Das sein Eigenthum verheert.
Dorthin, auf das Feld der T h a t e n,
Muß Graf Hugo -
Elvire.
Ah! Wie kann -?
Jerta.
Hat er nicht als tapfrer Mann
Unter Edwin, meinem Vater,
Sich der Krone schon bewährt?
n den Herzog, meinen Ohm,
Geht dieß Schreiben heute noch ab,
Daß er in des Grafen Namen
Um das Heer den König bitte.
Elvire.
Billigt Hugo denn - ?
Jerta.
Er wird.
Ist's der T o d nicht, den er suchet?
Nun, d e n kann er dort ja finden!
Elvire
erschrocken.
Gott im Himmel! - Nein, er darf
Nicht von meiner Seite.
Jerta.
Wie?
Nie wollt ihr ihn wiedersehn,
Sagt ihr, und er soll nicht scheiden?
Elvire.
Will ich? Sagt' ich das? ich war
Sinnlos, wenn ich das gesagt.
Daß ich sollte - s o l l t e, was ich
Nicht vermag zu wollen, das
Ist die Schraube, die mich foltert.
Geh, Entsetzliche! du willst,
Weil der d i r nicht mehr kann gehören,
Ihm den Untergang bereiten.
Jerta
mit Seelengröße.
Untergang? der Stern am Pol,
Der zur Fahrt dem Schiffer leuchtet,
Geht nur unter mit der Welt:
Nur mit mir stirbt mein Geliebter.
Ewig nah' dem innern Sinne,
Wie das überirdische
Ideal in Künsters Busen,
Theilt er nicht das Loos des Stoffes,
Der begehret werden kann,
und besessen, und zerstört.
Nur der F l e c k e n im Gemälde,
Stets sich vor das Auge drängend,
Stört die Lust der Phantasie.
Darum lasset Hugo ziehn,
Daß sein Schwert den Feind verderbe;
Dann, dann l e b t er, ob er s t e r b e!
Elvire
mit steigender Heftigkeit.
Magst du, Stolze, schon dem Himmel
Hier auf Erden angehören,
Ewig Wesen sondern können
Von den irdischen Gestalten,
Und das Leben von dem Ruhm;
I c h vermag nicht, so zu trennen,
Was ich liebe, nicht zu spalten.
G a n z, wie meine Arm' ihn halten,
Ist der Graf m e i n Eigenthum,
Jerta wird nicht d'rüber schalten.
Jerta.
Er entscheide! Seine Tritte
Hör' ich in der Gallerie.
Elvire
ängstlich.
Ist er's?
Jerta
der Thür näher.
Ja.
Elvire.
So muß ich fliehn.
Jerta.
Fliehn? Nicht l a s s e n wollt ihr ihn,
Und nicht s e h n!
Elvire
heftig.
Ich will ihn hier
Auf ihre Kleidung deutend.
Will nicht so ihn wiedersehen,
Nicht vor Zeugen - will vor dir,
Kalte Richterin, nicht stehen!
Sie eilt nach einer Thür im Hintergrunde, Hugo tritt
durch eine andere ein, sie erschrickt an seinem Anblick.
Ha!
Sie eilt in ein Seitenzimmer.
Jerta.
Ich laß' allein euch, bleibt!
Elvire.
Nein, ich kann nicht.
Ab.
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Vierte Scene.
J e r t a. H u g o blaß und entstellt.
Hugo.
Laß sie gehen!
Alles Leben flieht den Mord.
Als Jerta ihr folgen will, herrisch.
Laß' sie, sag' ich! - D i e s e ist
Mir gewiß genug - der Hölle
Abgekauft mit Bruderblut -
S o l c h e n Handel h ä l t der Teufel.
Jerta.
Hugo! Gott, wie war't ihr's mächtig,
Solches an euch selbst zu thun?
Hugo.
Thun? Der Mensch t h u t n i c h t s. Es waltet
Ueber ihn verborgner Rath,
Und er m u ß, wie dieser schaltet.
Thun? Das nennst du eine That?
Oh, ich bitt' dich, laß das ruhn!
Alles, a l l e s hängt zuletzt
Am Real, den meine Mutter
Einer Bettlerin verweigert?
Jerta.
Gott vergeb' ihr, was an euch
Sie unmütterlich begangen.
Hugo.
Nicht, daß sie's beging, bringt Tod;
Daß die dein' es nicht verschwiegen -
D a s hat aus dem stillen Norden
MIch zum Land der Glut getrieben,
Wo sie r a s e n, wenn sie lieben,
Und im Wahnsinn Brüder werden.
Vor sich hin.
Wenn die That noch ist Gedanke,
I s t sie nicht. Ist sie geschen,
Tief im Dunkel, unbelauscht;
Ist sie auch nicht, wenn die Brust
Und der Mund sie kann bewahren.
Lebhafter zu Jerta.
Sieh, das ist der Hölle Schlinge!
Weil der Mensch G e d a n k e n sünden
Zu verschweigen hat die Macht,
Lockt's ihn. daß er sie vollbringe,
Während, in des Busens Nacht
Könn' er das G e s c h e h' n e binden,
Wie er band was er g e d a c h t.
Und so t r ä g s t du das Verbrechen,
Das du aufgeladen hast -
Aber schwerer wird die Last,
Bis des Trägers Kniee brechen,
Und er stürzt und reißet mit
In den Abgrund Weib und Vater!
Tief aus dem Schmerz heraus.
Oh!
Jerta
halb vor sich, erschüttert.
Das lähmt den Muth des Arztes.
Hugo.
Arzt? D i e Krankheit weiß von keinem
Arzt! - Auswendig kann der Mensch
Alles lernen, was er will,
Mosis Bücher, die Propheten,
Und die ganze heil'ge Schrift;
Aber was er weiß, v e r g e s s e n,
Wär' es E i n e Sylbe nur,
Das ist nicht in seiner Macht,
Und kein Arzt kann das Gedächtniß
Reinigen von seinem Aussatz.
Jerta.
In er Hand des Kranken liegt
Wenn er Kraft noch hat, ein Mittel.
Lest!
Hugo
nimmt den Brief.
Was ist -?
Er liest, von Jerta beobachtet; seine schmerzerschlafften Züge werden lebendig, die Augen bekommen Feuer, der Arm spannt sich an, endlich steht er auf.
Ha, Taube! Wer
Lehrt dich, was dem Geier frommt?
Ja, d a s ist's, das macht gesund.
Habe Dank, du milder Arzt,
Der mit Feuer heilt und Schwerdt!
Mit flammendem Blick.
B l u t w i l l B l u t!
Jerta
erschüttert von ihm weg.
O Gott!
Hugo.
Ein Mensch -
Wär's ein B r u d e r, feig erschossen
Aus dem fernhin treffenden
Rohre - das ist n i c h s t, zu viel
Für die Ruh; zu wenig für
Das Bedürfniß einer Hölle,
Die davon ist angeglommen.
Mit steigendem Affekt.
Mit der M e n s c h h e i t will ich rechten
Blutig, daß ich Mensch geboren,
Und gefallen bin, wie Menschen!
Nicht auf E i n z e l n e, auf V ö l k e r
Schleud're mein Geschoß den Tod,
Reiße ihre Massen nieder,
Und auf Felder, blutig roth,
Sä' es die zerstückten Glieder!
Vor den Mauern fester Städte
Pflanze sich das Brandgeräthe;
Werfe, ob der Fromme bete,
Feuer in sein friedlich Haus!
Prasselnd schlägt die Flamme aus,
Straßen stehn in Gluth und Graus,
Und die Bomben, im Zerspringen,
Tödten, die das Hülfe bringen.
Ueber Leichen, aufgethürmz,
Wird der letzte Wall erstürmt,
Und die Thore gehn in Trümmer;
UNd die losgelaß'ne Schaar,
Aufgereizt zu blinder Wuth
Durch der Kameraden Blut,
Stürzet jubelnd in's Gewimmer;
Läßt am Altar Weiber bluteh,
Schleudert bei dem blonden Haar
Zarte Kinder in die Gluten -
Langsamer.
Und am Abend, wenn der Sieger
Hat gebändigt seine Tiger;
Wenn der Tod den Jammer hat
Still gemacht,
Und die Nacht
Einhüllt die verheerte Stadt;
Werden Lampen angezündet,
Und "Herr Gott, dich loben wir!"
Weint aus halb verbranntem Tempel!
Jerta
von Schauder durchdrungen.
Oh, entsetzlich! Nein, so hab' ich's
Nicht gemeint. Aus Feindes Ketten
Sollt ihr m e n s c h l i c h Brüder retten,
Ob des Todes Pfeil euch träfe;
Und der Lorbeer um die Schläfe
Soll das Cainszeichen decken,
Das auf eurer Stirne glüht!
Hugo.
Nun - nun ja doch! Mein Gemüth
Ist nicht bös; die Phantasie
Labt nur spielend sich am Schrecken.
Ich begreife, was du meinst:
S t e r b e n soll ich, außerm Lande
Fern begraben meine Schande -
Jerta
weinend an ihm.
Oh! Mein Bruder!
Hugo
weich.
Sieh, du weinst.
Glaubst du, daß ich sterben scheue?
T o d i s t l e i c h t e r a l s d i e R e u e!
Seelig sind die Todten!
Jerta.
Bleibe!
Lebe, Hugo, deinem Weibe,
Und dem Knaben ohne Vater,
Und dem Vater ohne Sohn!
Aber, Mann, ersinne nur
Eine Arbeit, ein Bestreben,
Das Elviren Muth kann geben,
Liebend dir im Arm zu liegen,
Und dem Ritter Kraft, zu siegen
Ueber seinen Schmerz, und dich
Stolz einst seinen Sohn zu nennen.
Hugo.
Nun das alles findet sich,
Wenn wir kurze Zeit uns trennen.
Spanier sind sie, stolzen Herzens,
In Elvirens Adern rollt
Fürstenblut, nach Ordenssternen
Steht des Kastilianers Sinn.
Hab' ich jener einen Gatten,
Diesem einen Sohn erschlagen;
Bin ich Mann, Ersatz zu leisten
Beiden, wenn auf meinem Haupt
Eine F ü r s t e n k r o n e pranget.
Jerta
bestürzt.
Oerindur!
Hugo
entschlossen.
Sie soll! bei Gott!
Schick das ab. - E r o b e r n will ich
Die verlorenen Provinzen;
Doch dem K ö n i g nicht, dem S i e g e r.
Will den schnöd verschenkten Sohn
Mächtig auf den Thron
Heben, und Elviren
In das reiche Haar
Diamanten, klar
Wie die Sterne, säen,
Daß das Aug' erblinde,
Das sie angesehen;
Will die Stirn' ihr zieren
Mit der Fürstenbinde,
Ihrem schlanken Leib
Mit dem Purpur schmücken -
Dann das schöne Weib
In den Busen drücken
Und vor Lust vergehen!
Eile! Schnell muß es geschehen.
Jerta.
Ja, fürwahr, die Hölle bindet
Fest, was einmal sie gefaßt.
Wie die Nadel, wenn sie hat
Den Magnet berührt, nach Norden
Ewig ihre Spitze drehet,
Kehrt, wer Einmal bös gethan,
Ewig seinen Sinn zum Bösen.
Hugo.
Nun, was ist denn, was ich meine,
Böses eben?
Jerta
stark.
Hochverrath!
Völkermord! Weh über euch!
Euch beherrscht des Vaterfluches
Finstre Macht!
Hugo
nach kurzer Stille.
Ja, du hast recht.
Oh, ich bin ein böser Mensch!
Jerta.
Faß' dich, Hugo! die Entdeckung
Hat, ein Blitzstrahl, dich betäubt.
Was du in der Ohnmacht träumtest
Wachend wirst du`s nicht erfüllen.
Hugo.
Meinst du? ja, in d e i n e m Haupt
Ist entsprungen der Gedanke,
Darum muß er g u t seyn, denk' ich.
Jerta.
Gut g e m e i n t zum wenigsten
Ist er, ob die Jungfrau irrte,
Spähend in des Mannes Brust.
Hugo.
Nein! du irrst nicht, Hinaus
Muß ich, wo die Würfel fallen,
Daß mein Schicksal freier schalte
Ueber mir und meiner Schuld.
Sende das zum Herzog; doch
Laß zugleich ihn mündlich wissen,
Daß ich selbst dem Boten folge
Auf dem Fuße. - Wer bestellt es?
Jerta.
In mein Zimmer hab' ich den
Secretär beschieden.
Hugo.
Wohl!
Ich will selbst ihn sprechen. - Sei
Gleich der Feldherrnstab vergeben;
Ich will m i t in die Gefahren,
Wär' es als gemeiner Reiter!
Er geht mit Jerta nach der Thür; in diesem Augenblicke schlägt die zwischen Eilf und Zwölf zeigende Wanduhr zwei Viertheil, Hugo blickt nach ihr auf, und tritt auf einmal abgespannt zurück.
Ha!
Jerta.
Was ist dir?
Hugo.
Siehst du nicht?
Noch ist es nicht Mitternacht.
Er geht in den Vorgrund.
Eh' nicht der verfluchte Tag
Ist vorüber, will ich nichts -
Gar nichts wollen, und nichts thun.
Heut regiert mein böser Stern!
Jerta.
Wohin irrst du, Mann?
Hugo
ängstlich.
Nein, nein!
Hab' ich euch's denn nicht gesagt?
In dem T h i e r k r e i s abgebildet
Ist mein Leben: S t i e r und B r ü d e r,
W e i b und S c h ü t z und S c o r p i o n.
Sieh, ich hab' es ausgerechnet,
Ganz für mich, daß niemand wußte,
Wo die Sonn' und mein Planet
Stand, als ich Don Karlos erblickte,
Ihn vom andalusischen
Kampfstier rettete - zuerst
Seines Weibes Reiz mich rührte -
Und - - hier ist kein Ungefähr!
Ich bin bös nicht von Natur,
Wahrlich nicht! allein das Schicksal
Führt auf böse Wege mich,
Wo Gefahr ist. - Thoren sind es, welche suchen in den Sternen,
Was geschehen wird. Dahin reicht
Menschenwitz nicht. Doch Vergangnes
Mag man d'rinnen wiederfinden,
Und sich wahren, stehn sie wieder,
wie zur bösen Stund sie standen.
Jerta
vor sich.
Furchtbar mächtiges Gewissen!
Den V e r s t a n d auch folterst du?
Hugo.
Wär' es nichts, warum denn just
Wären ihrer f ü n f ? die Zahl
Aus Gerad' und Ungerade,
Gut und Böse, die des Menschen
Seele deutet? - heut wie damals
Steht die Sonne gegen sie.
Laß mir das!
Jerta
mit trübem, mitleidigen Lächeln.
So sei: du wirst
Morgen noch, wie heute, fühlen,
Daß du handeln mußt, nicht schwärmen.
Ich bereite deine Reise.
Ab.
______
Fünfte Scene.
Hugo
allein, nach beträchtlichem Stillschweigen.
Wenn sie recht hat - nichts beschlossen
Ueber'n Sternen wird - der Mensch
Frei hienieden hat zu wählen,
Alles droben zu vertreten -
Das wär' schlimm, s e h r schlimm! dann stünd' es
Uebel um ein gutes Ende.
Und dieß Leben ist so kurz,
Und so lang - so l a n g das andre!
Kennte man's; wer weiß? es wär'
Wohl nicht so gräßlich nicht - vielleicht
Wenig anders, als auf Erden:
Zorn - und Strafe, und Vergebung - -
Nur die Nacht,
Die es deckt,
D i e nur schreckt!
Grausend macht
Sie nur Höll' die Zeit
Mit der Ewigkeit,
Daß man fühlt ein Dringen,
Aus dem Grauen
V o r der Nacht
I n die Nacht hineinzuspringen;
Weil's oft nichts ist, anzuschauen,
Was mit Zittern wird gedacht.
Wenn es n i c h t s ist - Oh! das Wort
Graust den M e n s c h e n an - und "E w i g"
Sträubt des S ü n d e r s Haar empor!
Nichts - und - - wer - wer faßt das?
Die Stimme geht ihm hier gleichsam aus, er bleibt starren Blickes und ohne Bewegung, bis Valeros eintritt.
______
Sechste Scene.
H u g o. Valeros, den Degen an der Seite, einen zweiten hält er sorgfältig unter dem Mantel verborgen.
Valeros
noch im Hintergrunde, tief und gedehnt.
Otto!
Hugo
fährt gewaltig zusammen und springt auf, seine Kniee zittern, als er sich nach der Thür wendet.
Ihr seid's?
Valeros
vorkommend.
Warum zitterst du?
Hugo.
Eure Stimme - ! 's war beinah,
Als ob - Karl - den Namen rufte.
Valeros
halb vor sich.
Hm! Wer weiß?
Hugo
mit Unruhe.
Wollt' ihr denn heut
Nicht zur Ruh? Bewaffnet seid ihr -
Warum seid ihr bewaffnet?
Valeros.
Nach den Waffen greift der Spanier
Ueberall, wo seinem Namen
Schande drohet.
Hugo.
Seid ihr doch ruhig!
Ich hab' alles eingesehn.
Valeros.
Was?
Hugo.
Daß ich um Jerta und Elviren,
Muß Verzicht thun auf den Trost,
Den gemeine Sünder haben:
Büßend vor dem Volk zu fallen
Unter Priesters Seegensspruch.
Nur der F l u c h - so eben sprach es
Jerta aus - des Vaterfluches
Finstre Macht beherrschet mich,
Treibt mich rastlos an zum Bösen.
Könntet ihr den Fluch nur lösen!
Valeros
ohne Hitze, aber fest.
R a c h e löst ihn. Dazu such' ich
Ausgerüstet dich im Schlosse.
Hugo
etwas zurücktretend.
Wie? ihr wollt mich -
Valeros
wirft aus der Entfernung einiger Schritte den Degen, den er unterm Mantel barg, ohne Heftigkeit zu Hugo's Füßen.
Wie es fällt.
Ficht mit mir!
Hugo.
Daß Gott mich wahre!
Mit dem Vater?
Valeros.
Des Erschlagnen.
Hugo.
Mit dem Greis?
Valeros.
Nicht Ritterspeere
Gilt es ja zu schwingen; d i e s e
Waffen fordern Kunst, nicht Stärke.
Hugo
dringend.
Denkt ihr nicht - ?
Valeros.
Ich hab's beschlossen.
Weiber wissen das Geheimniß,
Und geheim nicht kann es bleiben,
Und nicht ungerächt Don Karl.
Brudermord in meinem Stamme!
Diese Schmach, beim Himmel, wäscht
B l u t nur ab. - Heut ist der Tag,
Wo er fiel und heut noch fällt
Karlos Mörder, oder ich!
Hugo
schaudernd.
O d e r ! - Wißt ihr, was ihr sprecht?
Fühlt ihr es in meine Seele?
Valeros.
Wohl mag vor dem Kampf dir grauem,
Doch ihn schuldig bist du mir.
Lieb' und Haß, Natur und Pflicht
Reißen an dem Vaterherzen;
Nur im Kampfe find' ich Frieden.
Darum nimm, und ficht mit mir!
Hugo.
Nimmermehr! der A u g e n b l i c k
Ist der Thaten Herr. Es könnte,
Wenn die Spitze naht der Brust,
Mich die Lust zum Leben fassen,
Ich euch tödten -
Valeros.
Desto besser!
Hugo.
Und wenn i h r den S o h n erlegt,
Ist ja euer Hals verfallen
An den Blutbann dieses Landes,
Welcher streng -
Valeros
stolz.
Wer sagt die das?
E i n e n Herrn nur hat auf Erden
Don Valeros und sein Haus.
Dieser herrscht im Süden zweier
Welten; hier im fremden Nord
Sind wir niemand unterthan.
Fällst du; hat dich Gott gerichtet
Durch das Oberhaupt des Stammes.
Zaudre nicht.
Hugo.
Eh' stoßt mich nieder!
Valeros.
Meuchlings? - Ist mein Handwerk nicht.
Hugo
getroffen.
H a n d w e r k?
Mit Gemisch von Bitten und Warnen.
Vater!
Valeros.
Mach', man könnt' uns
Stören. - Willst du?
Hugo
gepreßt.
Nein!
Valeros
warm.
Du trägst
Zweier Heldenstämme Namen,
Und bist feig?
Hugo
sich vergessend
Wer sagt das?
Valeros.
Feig,
Wie Banditen!
Hugo
außer sich, hebt den Degen auf.
Tod und Hölle!
Valeros.
stellt sich und reißt seinen Degen aus der Scheide.
Endlich! - Zieh, gereizter Tiger,
Und fall' aus auf meine Brust!
Hugo
nach einer kurzen Pause der Erholung.
Nein! - Verflucht sei meine Hand,
Wenn sie diesen Stahl entblößet.
Er bricht dicht über der Scheide das Gefäß ab, und wirft beide Stücke hinter sich in den Saal.
Rost zerfreß' ihn in der Scheide.
Valeros
im Kampf mit ausbrechender Wuth.
Ha! - Wohlan denn, willst du nicht
W a g e n , Bube; so v e r l i e r e!
Er faßt rasch den Degen mit verwendeter Hand, wie einen Dolch.
Beide können wir nicht leben!
Er eilt auf Hugo zu, ihn zu durchstoßen. Hugo steht ruhig. Elvire, die schon eingetreten ist, fliegt herbei.
______
Siebte Scene.
Die V o r i g e n. E l v i r e ohne Schleier.
Elvire
unterläuft Valeros, welcher Hugo zur Linken stand, drückt ihn zurück, und zieht, vor Hugo tretend, einen Dolch aus dem Gürtel.
Rasender! - den Waffenlosen
Willst du tödten? - hier komm an!
Meine Hand ist stahlbewehrr;
Seit ich d i e s e n liebe, trag' ich
D i e s e n da für jeden Feind,
Den's gelüstet uns zu trennen!
Hugo,
welcher während Elvirens Rede den Blick fest auf ihren aufgehobenen Dolch heftete.
O, gebt Frieden! Ihr versteht
Beide nichts von solchen Dingen.
Meint ihr, daß ihr's könnt v o l l b r i n g e n
Mit den spitzgeschliffnen Klingen?
Daß die Hand euch nicht wird beben,
Soll sie in ein fremdes Leben
Diese kurzen Eisen drücken?
Durch den Arm zurück in euch
Dringt der Schmerz, und todtenbleich
Laßt ihr halbgethan das Werk.
Wenn euch solche That soll glücken,
Müßt ihr S c h ü t z e n seyn - entfernt
In dem Raum von eurem Ziele,
Zürnend kommt ihr - unentschlossen
Schlagt ihr an - nun neckt es euch,
Zu vollbringen, was ihr k ö n n t,
Und auch n i c h t könnt, wie es fällt.
Wär's g e w i ß, ihr thätet's nicht -
Aber "Ob du triffst?" zischt eurem
Wankenden Gemüth der Teufel
Zu, und zuckt in der Hand -
Und das ferne Opfer liegt.
Oh! sie ist gar schlau, die Hölle!
Elvire
ist von ihm gegangen, und hat den Dolch wieder im Gürtel verwahrt.
Was begann' ich?
Valeros
hat den Degen eingepackt, vor sich.
Wohin riß
Mich die Macht des Augenblickes?
Hugo
gehoben, aber nicht stolz.
Seht ihr wohl, so ist der Mensch!
D'rum, wenn einer ist gefallen,
Mag der andre w e i n e n; aber
Nicht zu r i c h t e n sich erkühnen.
Valeros.
Beim allmächtigen Gott, die Lehre
Trifft ein tief erschüttert Herz!
Ihm näher tretend, feierlich.
Sohn! vernichtet sei der Fluch,
Den ich über dich gesprochen!
Und ist's wahr, daß, wie der Eid,
Vaterflucht unwiderruflich
Vor den dunklen Mächten ist;
Fall' er auf mein eigen Haupt,
Daß die Rach' ihr Opfer habe.
Elvire
in großer Bewegung.
Nein, auf mich - auf m i c h den Streich!
Knieend.
Diese sterbliche Gestalt
Mit dem unglücklseel'gen Reiz,
Der den Frevel hat gewcket,
Werf' ich zu des Rächers Füßen.
Send', o Gott! des Himmels Flamme,
Um das Opfer zu verzehren,
Mein Unsterbliches nur berge!
Sie bleibt noch einige Augenblicke in dieser Stellung.
Hugo
ernst und ruhig, mehr noch gehoben, als vorhin.
Laßt nur gut seyn das. - Mich dünket,
Daß gelöst schon ist der Fluch:
Denn ich schöpfe freien Odem,
Und mein inn'res Auge schaut
Klar - d e n r e c h t e n W e g z u m F r i e d e n.
Elvire
vom Sinn seiner Rede getroffen.
Ah!
Indem sie sich abwendet, fällt ihr die Harfe in die Augen. Sie stützt sich darauf mit gesenktem Haupt und scheint an dem Folgenden weiter keinen Antheil zu nehmen.
Valeros.
Der rechte Weg zum Heil
Führet durch den Schooß der Kirche.
Sohn, aus ihrer Hand empfängt
Auch das Vaterherz dich wieder!
Willst du mir nach Spanien folgen?
Hugo
in wachem Traum.
Ja!
Valeros
froh.
Du willst?
Hugo.
Mein G e i s t ist d o r t;
H i n mögt ihr den L e i b geleiten.
Valeros.
Ha! der Entschluß kam von oben,
Zögre nicht, ihn zu vollziehn!
Hugo.
O, gewiß nicht.
Valeros.
Auch Elviren
Giebst du so den Frieden.
Hugo
mit unruhigem Bestreben Valeros zu entfernen
Das
Mein' ich - aber - Jerta wird
Schmerzlich diese Trennung fühlen.
Wollt ihr wohl sie vorbereitet?
Valeros.
Jetzt?
Hugo.
Sie ist noch wach - für mich.
Ueberein sind wir gekommen,
Daß sie einen Boten sende
An den Herzog, ihren Ohm,
Der bei'm König gilt. Sie will,
Daß man mir das Heer vetraue
Wider den verwegnen Feind,
Der die Länder jenseits plündert.
D a s ist nun nicht nöthig mehr.
Valeros.
Nein, bei Gott nicht! Fremdem Herrn
Soll Valeros Sohn nicht dienen.
Dennoch, daß du dich erhoben
Zu dem Heldenunternehmen,
Löscht des Hasses letzten Funken.
Komm an meine Brust!
Hugo
sinkt tief gerührt in seine Arme.
Mein Vater! -
Oh, mein Gott! In euren Armen?
Valeros.
Otto! Theurer - einziger!
Alles - alles sei vergeben!
Hugo,
nachdem er langsam, das Auge liebevoll noch auf ihn geheftet, von seiner Brust sich erhoben.
Geht zu Jerta! - sagt ihr das! -
Geht, und dann legt euch zur Ruh,
Und - erwacht gefaßten Muthes.
Valeros.
Oh, die Freude, denk' ich, wird
Reichlich mir den Schlaf ersetzen.
Ab.
______
Achte Scene.
E l v i r e. H u g o.
Elvire
legt nach geraumer Stille die Harfe weg, tritt vor Hugo und sucht seinen Blick.
Hugo!
Hugo
weich.
Folg' des Vaters Beispiel,
Hingeopferte! - Vergib!
Elvire
an seinem Halse.
Oh, mein Hugo!
Hugo
in vollem Ausdruck der Liebe.
Theures Weib!
Elvire
nach einer Pause, mit tiefem Leiden.
M u ß es seyn, Geliebter?
Hugo
betroffen, sich verrathen zu haben.
Was?
Elvire.
Was prophetisch mir die Harfe
Mit der Saite, die gesprungen,
In der Dämm'rung zugeklungen -
Was du jetzt beschlossen hast.
Hugo
in Erinnerungen verloren, den Blick auf dem Instrument.
Heilig ist d i e H a r f e mir,
Weiß ich gleich nicht sie zu spielen.
Wenn die Abends dir, im Kühlen,
In dem schönen Arme ruhte,
Und mein Haupt in deinem Schooße
Glühte, die der Kelch der Rose,
Vor dem wildbewegten Blute -
Und nun Himmelsthöne klangen
Aus den Saiten und der Brust:
Da verschwand das Glutverlangen,
Und zur Thräne ward die Lust.
In mir herrschte Fried' und Ruh
Unter'm Schalle deiner Lieder;
Karlos war mein Bruder wieder,
Die geliebte Schwester du!
Auf die Harfe deutend
Hugo's E n g e l wohnte d'rinn,
Eh' sich Hugo schwer versündigt;
D e r auch hat es angekündigt;
Deinem aufgeschloßnen Sinn,
Daß die Qual nun ist am Ende.
Elvire.
Hugo! Kannst du es, so wende
Von der Gattin diesen Schlag!
Hugo.
Fühle, daß ich's nicht vermag.
Und der Mensch dem Saitenspiel:
Wenn es hart zu Boden fiel,
Kehrt der rechte Klang nicht wieder,
Und sein Mißlaut stört die Lieder,
Die aus reinen Saiten schweben.
Solche That, wie ich gethan,
Stecket mit dem Wahnsinn an,
Der sie zeugte. - Um ein Haar,
Und mein blut'ger Frevel war
Zweimal wiederholt zur Stelle.
Wo ein M ö r d e r weilet, mag
Keiner widerstehn der Hölle.
Elvire
sich abwendend.
Wehe! Furchtbar sprichst du aus,
Was wie Nebel um mich lag.
Hugo.
Karlos Zorn erfüllt mein Haus,
Darum auch m i t d i e s e m T a g,
Muß ich scheiden, ihn zu sühnen.
Elvire.
Gott! so bald?
Hugo
Mit Begeisterung.
Es regt die kühnen
Fittiche der Geist in mir,
Seinen Banden zu entschweben.
Aus dem unheilschwangern Hier,
Wo ihm Leben ward zum Beben,
Will er dort hinauf zum Licht,
Wo die Macht der Furie bricht,
Und der Reue wird vergeben!
Elvire wendet sich mit einem Blick auf die Uhr entschlossen und rasch zum Abgehn.
Warum willst du von mir gehen?
Elvire
innerlich bewegt.
Gehen - küssen meinen Knaben.
Hugo.
Thue das, und - - lebe wohl!
Elvire.
Nein, noch nicht. Bleib hier! Ich komme
Wieder, eh die Glocke schlägt.
Hugo.
Was beginnst du?
Elvire.
Nichts,
Sie geht bis zur Thür, wo sie dem Knaben begegnet.
______
Neunte Scene.
H u g o. E l v i r e. O t t o.
Elvire.
Schlafend meint' ich dich.
Otto.
Ich war's.
Böse Träume weckten mich,
Aber A n f a n g s böse nur;
Herrlich waren sie zuletzt.
Dich, Herr Hugo , sah ich, wie
Ich dich immer hab' gesehen,
Seit mein Vater ist gestorben;
H e i t e r, wie in meinem Land
Man den Morgen sieht erwachen.
Und der Traum scheint wahr zu werden;
Denn viel anders siehst du aus,
Als ich dich verlassen habe.
Hugo.
Findest du das, lieber Knabe?
Otto.
Ja. Doch an der M u t t e r ist
Noch der Traum nicht ausgegangen.
Mit Darstellung des im Traum genossenen Entzückens.
Herrlich, wie in der Verklärung
Ueber unserm Hochaltar
Heilands Mutter aufwärts schwebt,
Hab' ich dich im Traum gesehn.
Nun, du bist nicht minder s c h ö n;
Doch so l e u c h t e n d bist du nicht,
Nicht so s e e l i g dein Gesicht.
Hugo.
Was bewog dich aufzustehen,
Und dich wieder anzukleiden?
Otto.
Was? Nun, daß ich munter war.
Und ich habe wohl gethan;
Später hätt' ich sonst erfahren,
was mir so viel Freude macht.
Hugo.
Was?
Otto.
Der Ritter ging vorbei,
Und ich rief ihm, und er kam,
Und erzählte mir: du seist
Nicht Graf Oerindur; m e i n O h m,
M e i n e s l i e b e n V a t e r s B r u d e r!
Und du habest versprochen,
Mit der Mutter, ihm und mir
In mein Vaterland zu ziehen,
Und das bald - b a l d ! - Ist das wahr?
Hugo.
Ja! - D e i n Vaterlang ist da,
Wo ich hin will. Alle, denk' ich,
Nimmt's uns auf einst.
Otto
innig vergnügt.
O, wie herrlich!
Liebe Mutter, eile ja,
Alles eilig zu besorgen,
Was ihm nöthig ist zur Reise!
Hugo.
Das ist wenig. - Sie hat's n a h',
Und die m i l d e wird mir's g e b e n.
Elvire wendet sich schmerzlich ab.
Otto.
Deinen Kammerdiener, Kolbert,
Sprech' ich, ist er wach, noch heut.
Leicht're Kleidung muß ich haben,
Eilig diese von mir thun,
Die so schwer und lästig ist.
Hugo.
Ganz, wie du, denk' ich's zu halten.
Otto.
Mach' es auch so, liebe Mutter,
Ob du schon dich hier s o schwer,
Wie Herr Hugo, nicht beladen.
Elvire.
Meinst du?
Otto.
Ja.
Hugo.
Mein Kind, du kannst,
Da du einmal auf bist, noch
Etwas hin zu Jerta tragen.
Geh' mit Kolbert in mein Zimmer.
Das Büreau im Schlafgemach
Oeffnet dieser Schlüssel. Links
Findest du ein Pergament,
Daran hängt in silberner
Kapsel ein gewaltig Siegel.
Nicht zu irren, schlag' es auf,
Und sieh nach dem Anfang. Wenn
Es das recht' ist, muß es heißen:
"Das Geschlecht der Oerindur,
"Unsres Thrones feste Säule,
"Soll bestehen, ob die Natur
"Auch damit zu Ende eile."
Weich mit Steigerung
Das gieb Jerta, nebst dem Schlüssel!
Er küßt ihn.
Küsse sie - für mich - und sag' ihr,
Sie soll nicht vergessen, daß ich
Kolbert herzlich lieb gehabt -
Und auch Holm - und - alle andre -
Er kämpft mit den Thränen.
Dann leg dich zur Ruhe wieder.
Otto.
Das soll bald geschehen seyn.
Geht nach der Thür.
Elvire.
Otto!
Sie eilt zu ihm, und küßt ihn inbrünstig und mit Thränen.
Oh, mein Kind!
Otto.
Du weinst?
Elvire.
Küsse Jerta auch von m i r,
Und - den Ritter - e h r' a l s V a t e r!
Otto.
Ist er mein Großvater doch,
Den ich wahrlich herzlich liebe. -
Gute Nacht!
Elvire.
G u t' N a c h t!
Otto ab.
______
Zehnte Scene.
H u g o. E l v i r e.
Tiefe Stille von 20 bis 25 Secunden. Während derselben sitzt Hugo rechts vom Schauspieler (sic!) in einem Sessel, und scheint mit Seelenruhe zu beten. Elvire geht, nach dem Abschied von Otto, auf die andere Seite, wo ihre Harfe lehnt, fällt auf die Kniee, und betet, ohne Lippenbewegung, mit heißer Andacht. Die Wanduhr schlägt zwölf. Ein leichter Schauder erschüttert Elviren. Sie steht langsam vom Gebet auf, und Ruhe herrscht auf ihrem Gesicht. Hugo verläßt, wenn die Uhr ausgeschlagen hat, ebenfalls langsam den Sessel, und nähert sich Elviren.
Hugo.
Die Stunde
Hat gerufen. - - M i l d e! gieb,
Was du h a s t, und was ich b r a u c h e!
Elvire.
Oh, ich habe dich verstanden!
Sie zieht den Dolch.
Du willst den!
Hugo.
An deinem Herzen
War sein Platz.
Elvire
Du sollst ihn haben.
Ihn feurig umarmend.
Hugo! - Bis auf Wiedersehn!
Hugo.
D o r t, wo Schwester, Freund und Gattin
Man mit Einer Liebe liebt.
Gieb den Stahl, und - flieh!
Elvire.
Gemach!
Indem sie von ihm geht, und mit der Linken die am Stuhl lehnende Harfe anfaßt; entschlossen und mit Erhebung.
Mir, wie dir, fehlt ja der Frieden,
Und mich drückt, wie dich, die Schuld;
Darum, muß es seyn geschieden,
Geh' ich dir zu Gottes Huld
Kühn voran die dunkle Straße!
Sie stößt sich den Dolch in die Brust, die Kniee wanken, die Harfe fällt am Stuhle hingleitend zu Boden, und sie sinkt, den Dolch in der rechten Hand behaltend, darauf nieder.
Hugo
heftig erschüttert.
Gott! Elvire! - - Ha, nun fassen
Ganz ich selbst erst, was ich sprach!
Mord zeugt Mord, und ich verderbe
Durch die unglückseel'ge That
Alles, was mir liebend naht.
Es hat Eile, daß ich sterbe -
Gieb! geschwind!
Er nimmt ihr den Dolch, den sie krampfhaft zu halten scheint, mit einiger Mühe, küßt ihre Hand, und sagt, indem er rasch nach seinem Sessel geht.
Ich flieh dir nach
Aus des Lebens finstrer Höhle!
Elvire
mit Anstrengung.
Gott sei gnädig - deiner Seele!
Hugo faltet während dieser Worte die Hände gen Himmel, dann stößt er, beide Hände am Griff, den Dolch sich in die Brust; die Kniee knicken bald ein, die rechte Hand faßt den Stuhl, der Dolch bleibt in der Linken; in dieser Stellung hält er sich einige Secunden.
_____
Eilfte Scene.
D i e V o r i g e n, J e r t a, V a l e r o s und O t t o treten rasch ein.
Jerta
fliegt herbei, und fällt ihm in den linken Arm.
Graf! was wollt ihr thun?
Hugo,
indem er den blutigen Dolch zu ihren Füßen fallen läßt.
G e t h a n
Ist's; doch s c h l e c h t - i h n traf ich besser.
Er sinkt am Sessel nieder, so daß der Oberleib halb aufgerichtet bleibt.
Jerta
ist beim Falle des Dolchs zurückgetreten, mit tiefem Schmerz.
Oh!
Valeros.
Mein Sohn! - du trafst mein Leben!
Jerta
schnell gefaßt, dringend zu dem Verwundeten.
Ist noch Rettung?
Hugo.
Nein! - Erlösung
Nur durch S c h m e r z e n - von dem L e i d e n.
Otto
einige Schritte entfernt.
Armer Herr!
Jerta
mit erschütternder Klage, die Stirn an Hugo's Haupte.
Mein Freund! - mein Bruder! -
Otto
erblickt Elviren.
Jesu Maria! die Mutter! - O seht -
Seht doch! die Mutter liegt blutend darnieder!
Er kniet neben ihr.
Jerta.
Gott
Valeros
heftig.
Wer begann das? - Ein blutiger Stahl
Liegt nur am Boden.
Jerta.
Der Dolch ist Elviren.
Valeros
zu Hugo.
Mensch! Wenn du d a s auch gethan -!
Elvire
mit Anstrengung.
Ich - i c h s e l b s t!
Valeros
beschwörend.
I s t's so?
Elvire
halb aufgerichtet, wie mit verklärendem Blicke.
So wahr ich - wie Töne der Harfe -
Die mir zum Lager dient - himmelwärts schwebe!
Sie sinkt sterbend auf die Harfe zurück, die Hand gleitet dabei matt über die Saiten, und man hört einen leisen, verhallenden Ton.
Otto.
Mutter! - So sah' ich im Traum dein Gesicht!
Er beugt sich über sie.
Valeros
zu seinem Sohn.
Otto! Vergieb den Gedanken! -
Hugo.
Auf Erden
Wohnt der Verdacht - und die Nacht. Dort - ist Licht.
Valeros.
Oh! daß ich kam um dir tödtlich zu werden!
Hugo
schwächer.
Schaffet - nach Spanien - die Leichen - zu ihm -
Denn - er vergab uns! -
Mit Vision.
Dem Cherubim
Nimmt er - das rächende Schwert - er w i n k e t -
Mit erhabener Stimme.
F r e i - ist der G e i s t! - - die Hülle - sinket -
Er fällt sterbend zusammen.
Jerta.
mitten auf der Bühne nach kurzer Stille mit Begeisterung.
Sinke der Leib! ich liebe den Geist,
Den kein Tod dem Herzen entreißt,
Der mir von nun an im Abendstern blinket!
Valeros.
Ist der Geist nur frei von Qual,
Wenn der L e i b fällt; dann, o Stahl,
Komm, und gieb die Freiheit mir!
Er hebt rasch den Dolch auf, Jerta entreißt ihm denselben.
Jerta
mit tiefem Ernst.
Ritter! - Seid ein M a n n! - Kniet h i e r
Euer E n k e l nicht?
Valeros.
Könnt ihr
L e b e n, wenn ihr ihn g e l i e b t?
Jerta.
Ich bin Christin. - S c h u l d nur giebt,
Oder Schwäche, sich den Tod.
Lebt für diesen, ihm ist's noth.
Valeros beugt sich über Hugo's Leiche.
Otto
sich vor der Mutter aufrichtend.
Gott! Warum - w a r u m ist denn
So Entsetzliches geschehen?
Jerta
groß und ruhig.
Fragst du nach der U r s a c h, wenn
Sterne auf und untergehen?
W a s geschieht, ist hier nur klar:
Das W a r u m wird offenbar,
Wenn die Todten auferstehen!
Der Vorgang fällt.
_____
Ende des Stücks.